Archiv des Autors: hasanni

Sommer

Alle Gedichte + Momentaufnahmen © Anita Hasel


Ein Sommerabend auf der Terrasse

Die Hitze des Tages ist fort. Der Wind hat sich schon schlafen gelegt. Dachziegeln leuchten rot unter dem blassblauen Himmel. Blätter und Blüten warten, regungslos. In Nachbars Garten wird das Warten schon belohnt. Das gleichmäßige Klacken des Rasensprengers mischt sich in das anschwillende Rauschen der Autobahn. Ich stelle mir vor, ich höre einen wunderbaren Wasserfall, nicht weit entfernt. Doch Wasserfälle gibt es hier nur aus der Gießkanne.

Ein Flugzeug schluckt plötzlich alle Geräusche. Es scheint in Zeitlupe vorüber zu ziehen. Dann wird es leiser, menschliche Stimmen drängen sich vor, ein Bellen, meckernde Vogellaute, eine Gießkanne wird gefüllt, bis das Prasseln verstummt. Noch mehr freudige Erleichterung bei den Kübelpflanzen des Nachbarn! Ich stehe auf, will mich endlich um meine neidischen Gartenpflanzen kümmern. Schon duftet es nach kühlem, klarem Wasser auf heißer Erde. Begierig saugen Wurzeln, dankbar richtet das Grün sich auf. Sommer ist Lust und pure Freude am Leben.


Prima Klima

prima Klima

Hüllenfall
draller Schwall
überall

weit
und breit

kein Schattenwind
kühles Kind
planscht und singt

unter’m roten Gummischlauch
heißer Rauch
für den Bauch

alles Gute auf dem Grill
hängematt
Hitze satt

und die Lust auf Himbeereis
kühlt den Fleiß
siedend heiß

kocht der Kühler
immer schwüler

wird sogar die Nacht zum Tag
Donnerschlag

Regenguss
Hochgenuss

Gänsehaut zum Schluss


Das Gewitter

Grau senkt sich herab, lässt den heißen Tag immer dunkler werden. Elektrisches Licht erleuchtet allmählich die Fenster in den Häusern. Geduldig still wartet alles auf das Ende der Schwüle, das nun kurz bevorsteht.
Schon hat der böige Wind sich beruhigt, und fast scheint es, als erstarre die Natur. Bäume stehen regungslos, kein Zweig und kein Blatt, das sich bewegt im strömenden Regen: Ein dichtes Heer von weißen Bindfäden, das vor dem dunklen Grün des Laubes auf die Erde fällt.
Fernes Grollen, das näher kommt, erinnert an Flugzeuge, die die Schallmauer durchbrechen. Manchmal wird das Grollen dumpfer, tiefer, lauter. Dann klingt es noch bedrohlicher. Ein Blitz leuchtet auf. Das ist Spannung, die dem Höhepunkt zusteuert.
Vögel beginnen zu zwitschern, in diesem Moment, als freuen sie sich auf die nahende Abkühlung. Und tatsächlich: Ein erster, angenehm kühler Windzug weht.
Autos fahren lauter, rollen mit ihren Gummireifen über klatschnassen Asphalt, spritzen noch weit hörbar.
Je greller es blitzt, je öfter der Donner kracht, desto kühler und angenehmer wird es. Auch der Regen trommelt immer lauter und schneller – bis das Geräusch unzähliger Wassertropfen, die überall aufprallen, zu einem gleichmäßigen Prasseln verschmilzt.
Die Häuserfassaden haben schon begonnen, das Dunkel des Himmels wie Löschpapier aufzusaugen. Der Tag ist noch nicht zu Ende.

Frühling

Alle Gedichte + Momentaufnahmen © Anita Hasel


Ein Nachmittag im Mai

Der Wind ist warm. Er spielt mit den Zweigen und Blättern, die sich bewegen, als tanzen sie zu einer wild-fröhlichen Melodie. Die Schatten der Bäume spielen Fangen auf dem saftigen Grün des Rasens. Kinder lachen laut. Ein Windrad dreht sich schnell. Es knistert nach Sommer.
Der Himmel ist blau. Weit und leicht umspannt er die helle Welt. Blätter und Dachziegel glänzen und reflektieren das gleißende Licht.
Vögel zwitschern durcheinander – kreuz und quer klingen ihre unterschiedlichen Stimmen. Tauben locken ausdauernd mit ihren dunklen Rufen im Drei-Viertel-Takt.
Samenpollen beschneien die Stadt, schweben auf und ab, schwerelos, und fliegen mit dem Wind davon.
Nur Wollen, kein Müssen. Nur hier sitzen und das Wohlgefühl genießen. Das ist Mai.


Der Frühlings-Reimling

Im Frühling ein Wüstling den Sperling stört.
Ein Schreiberling denkt, er hat sich verhört!
Schon sieht er des Wüstlings gierige Tatze,
der Schreiberling fasst sich entsetzt an die Glatze.

Spontan er den Sperling zum Schützling erklärt.
Der Wüstling ist nun keinen Pfifferling wert,
entpuppt sich als Hänfling von schwachem Geblüt,
und wird nun zum Winzling, dem Wüstes selbst blüht.

Da hat der Sperling zum Glück wieder Ruh‘
und wendet sich seinen Abkömmlingen zu,
doch fehlt jetzt ein Liebling, der Erstling im Nest!
Das gibt der Sperlingsmutter den Rest!

Im Frühling ein Sperling den Wüstling hackt,
und auf des Schreiberlings Lieblingsstift kackt.
Wüstling und Schreiberling sind ganz verwirrt,
da piept der Frischling, er hatt‘ sich verirrt.

Und die Moral von dem dümmlichen Ganzen:
Halt dich an Sämlinge, Blüten und Pflanzen,
schreib‘ über Schmetterling, Wiese und Hain,
doch lass‘ das dämliche „Ling“-Reimen sein.


Das Frühlingslied

Wer ist’s gewesen?
Schau!
Das welke Grau
durch Zauberhand so saftig grün.
Die Wiesen blüh’n
in süßer Pracht.
Des Lebens voll
ist alles, was erwacht.

Wer hat’s gehört?
Das Lied
das in uns spielt
und klingt
als wäre Zeit
in Ewigkeit
zur Wiederkehr bestimmt.


Osterspaziergang
(von Johann Wolfgang von Goethe)

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
im Tale grünet Hoffnungsglück.
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
ohnmächtige Schauer körnigen Eises
in Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes.
Überall regt sich Bildung und Streben,
alles will sie mit Farben beleben.
Doch an Blumen fehlt’s im Revier,
sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen
nach der Stadt zurückzusehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
denn sie sind selber auferstanden:
aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
aus Handwerks- und Gewerbebanden,
aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
aus den Straßen quetschender Enge,
aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
durch die Gärten und Felder zerschlägt,
wie der Fluss, in Breit und Länge
so manchen lustigen Nachen bewegt.
Und bis zum Sinken überladen,
entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
hier ist es Volkes wahrer Himmel,
zufrieden jauchzet Groß und Klein:
„Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“

Freundschaft

Freundschaft kann so vieles und für jeden etwas anderes bedeuten: Vertrautheit, Offenheit, Gemeinsamkeit, Zusammengehörigkeit, Aufmerksamkeit, Mitgefühl, Verständnis, Hilfe, Beistand, Unterstützung, … Wie man auch Freundschaft definiert: Sicher ist, dass es wider die Natur des Menschen ist, allein zu sein. Über den anderen erfahren wir erst, wer wir sind / definieren wir uns selbst. Mit anderen fühlen wir uns sicherer. In der Gemeinschaft sind wir stärker. Das Wissen eines Einzelnen kann sich niemals mit der „Schwarmintelligenz“ messen. Und nicht zuletzt verhelfen uns Freunde dazu, emotional zu wachsen und zu reifen.

Verwandtschaft wird uns in die Wiege gelegt; Freunde suchen wir uns aus. Was bedeutet es, ein Freund zu sein? Freundschaften sind wie Pflanzen: Sie können eingehen, wenn sie nicht regelmäßig begossen und gepflegt werden. Einen Freund zu verlieren, ist ein großer Verlust. Einen neuen Freund zu finden, ist ein großes Glück. Das größte Glück aber ist, einen verloren geglaubten Freund wieder zu finden!


Alle Gedichte ohne Autorenangabe © Anita Hasel


Freundschaft von Friedrich Martin von Bodenstedt (1819 – 1892)

Wenn jemand schlecht von deinem Freunde spricht,
und scheint er noch so ehrlich: glaub ihm nicht!
Spricht alle Welt von deinem Freunde schlecht:
Mißtrau‘ der Welt und gib dem Freunde Recht!

Nur wer so standhaft seine Freunde liebt,
ist wert, dass ihm der Himmel Freunde gibt.
Ein Freundesherz ist so ein selt’ner Schatz,
die ganze Welt beut nicht dafür Ersatz.

Ein Kleinod ist’s voll heil’ger Wunderkraft,
das nur bei festem Glauben Wunder schafft –
doch jedes Zweifels Hauch trübt seinen Glanz,
einmal zerbrochen wird’s nie wieder ganz.

Drum: wird ein solches Kleinod dir beschert,
o trübe seinen Glanz nicht, halt es wert!
Zerbrich es nicht: Betrachte alle Welt
als einen Ring nur, der dies Kleinod hält,
denn dieses Kleinod selbst erst Wert verleiht,
denn wo es fehlt, da ist die Welt entweiht.

Doch würdest du dem ärmsten Bettler gleich,
bleibt dir ein Freundesherz, so bist du reich;
und wer den höchsten Königsthron gewann
und keinen Freund hat, ist ein armer Mann.


 

Was fällt mir ein, dein Freund zu sein?

Was wünsch‘ ich dir?
So frage ich,
und denk‘ dabei an mich.

Was schenk‘ ich dir
für wenig Geld?
Nur das, was mir gefällt!

Was frag‘ ich dich
nach deinem Mut?
Ich weiß, es geht mir gut.

Was kümmert mich
dein Herzeleid?
Ich liebe Heiterkeit!

Was hab ich dein
Gejammer satt!
Bei mir läuft alles glatt.

Was fällt mir ein
dein Freund zu sein?

Bin nicht so gern allein.


Mein Freund

Der wohlige Wind, er streichelt mich sacht.
Kein schönerer Traum führt mich durch die Nacht.
Sein warmer Mund senkt sich auf mich nieder,
haucht unendlich sanft in mein Gefieder.

Macht mich meiner Selbst nun wieder gewahr:
So starke Flügel erschlafften beinah’.
Doch fühl’ ich jetzt Lust, sie anzuheben,
und voll Erwartung ganz sacht zu beben.

Wächst in mir die Kraft, sie auszubreiten,
gewaltig und schön, wie vor den Gezeiten.
Durchströmt mich das Leben, sehnend und frei.
Was mich jetzt noch hält, es ist einerlei.

Zu allem bereit, so fass ich den Mut,
und hör’ noch sein Flüstern: „Alles wird gut!“
Doch meine Schwingen sind müde und schwer,
verlernten das Fliegen. Es ist lange her.

Die Flügel verkrampft. Ein Straucheln, mit Wucht
stürz’ ich entgegen der finsteren Schlucht.
Tobende Geister, gerufen von mir,
sie stehen bei meinem Absturz Spalier.

Doch da eilt herbei, schnell wie der Schall,
der rettende Wind, bremst sanft meinen Fall,
bläst kräftig und warm, gibt Auftrieb geschwind.
Sieh’, ich kann fliegen, so wie einst als Kind!

Er trägt mich hinaus, ganz hoch in die Luft.
Ich kann alles sehen, rieche den Duft
der Freiheit, noch schöner als je zuvor –
denn er ist mein Freund, den ich nie verlor.


Hasenmut

Heimlich kreiste in der Luft
unbemerkt ein Adlerschuft.
Denn er war gar nicht zu hören.
Nur ein Wiesel tat er stören.

Dieses Wiesel gab den Wink
an den „langen Finger“ Fink,
als der fluchs mit seiner Kralle
Hirse klaute aus der Falle.

Ausgestreckt im Felde lag,
an dem selten schönen Tag,
Harry Hase, der sich sonnte.
Flink pfiff Fink so laut er konnte.

Harry Hase starr erstarrte
und verharrte, denn er harrte
dieser Dinge, die da kämen,
schrecklich ihm das Leben nähmen.

Stetig ging der Segler tiefer,
ignorierte Klipp und Schiefer,
stierte auf das Fell im Feld:
Rings herum entschwand die Welt.

Doch Frau Hase, schlau im Bau,
kannte gut die Adlerschau,
die sie gaben stets um Vier
in der Burg nicht weit von hier.

Einen Handschuh zog sie über,
hastig hastete sie rüber,
in der ausgestreckten Pfote,
steckte eine fette tote
Ratte, die der Gatte hatte –
eine große, dünne, glatte.

Adlerauge traute kaum
dem Doppel-Whopper-Gaumentraum
stieß hinab mit Flügelfalten,
nichts mehr konnte ihn noch halten.

Gierig mit dem Greif voraus,
packte er die Riesenmaus
mit der Häsin, die, o Graus,
plötzlich wusste: Es ist aus!

Da kam Harry Hase an,
hing sich an die Häsin dran,
eine große Finkenschar
stürzte auf den Adler gar,
pickte fleißig auf ihn ein
bis er ließ sein Essen sein.

Von der Story die Moral:
Habe Freunde ohne Zahl,
lad sie ein in deinen Bau,
und trau keiner großen Schau.

Lass dir helfen in der Not,
und ist deine Ratte tot,
fang es nicht alleine an:
Nimm dir einen Ehemann.


Meiner Freundin Mann

Weil ich mit meiner Freundin Mann
so überhaupt und gar nicht kann,
da mich sein Style nicht fasziniert
und sein Gesülze unzensiert
wie Niagara auf mich schwallt,
mein Schweigen gegen Dünste prallt,
die ihn umgeben, wenn er schwitzt,
breitbeinig auf dem Sofa sitzt,
auf dem ich immer gerne saß,
gemütlich meine Bücher las…

…Nun geht er bei mir aus und ein,
ein Küßchen mehr, das muss schon sein,
rechts, links und rechts auf jede Wange,
vor’m nächsten Treff‘ ist mir schon bange,
weil ich mit meiner Freundin Mann
so überhaupt und gar nicht kann…

…schließ ich mich in mein Zimmer ein,
trink‘ jetzt alleine meinen Wein,
steh‘ nicht mehr auf, ich lass’ es läuten,
würd‘ lieber meine Seele häuten,
und endlich sagen: Du, ich find‘,
auf beiden Augen bist du blind!“

Fänd‘ ich den Mut, so sagt‘ ich dann,
der lieben Freundin: „Du, dein Mann,
ist überhaupt nicht wie du denkst,
nicht so mondän, wie du ihn kennst.
Sein Reden ist nur eine Masche,
er riecht nach Knoblauch, Pott und Asche.
Und seine Beine, dünn und krumm,
die liegen doch nur schlapp herum.“

Ist so ein Singleleben fair?
Die liebe Freundin fehlt mir sehr,
weil ich mit ihrem doofen Mann
so überhaupt und gar nicht kann.

Doch halt – bald werd’ ich wieder heiter,
denk‘ ich noch weiter, weiter, weiter
als liebe Frauen denken sollen,
die niemals sagen, was sie wollen:

An einem Tag im Irgendwann
der lieben Freundin Ehemann,
scheußehrlich sagt zu seiner Frau:
„Ich lieb‘ dich nicht mehr, ganz genau!
Und bin nicht länger mehr dein Mann –

weil ich mit deiner Freundin kann.“


Wie?

Wie hatt’ ich mein ganzes sein
dir eröffnet ohne schein
nichts was dir verborgen blieb
darum hatt‘ ich dich so lieb

Wie hatt‘ ich mit dir so oft
viel geredet, viel erhofft
deine sorgen waren mir
ebenso vertraut wie dir

Wie hatt‘ ich in einem nu
dieses so vertraute du
jäh verloren an den dieb
fiese fremdheit, die uns blieb

Wie hatt‘ ich mich klein gemacht
still gehalten, laut gelacht
so getan, als wär es kaum
mehr als nur ein dummer traum

Wie hatt‘ freundschaft ihren wert
in gleichgültigkeit gekehrt

Wie brach‘ ich es über’s knie
sag mir

Wie?


 

 

Liebe

Über Liebe ist schon so viel gesagt, geschrieben, gedichtet und gesungen worden. Von Mutters Küchenradio inspiriert, hab ich mir als Kind die Liebe als eine schöne Frau vorgestellt, über die man gerne singt. Sie war sehr berühmt und wohnte in Frankreich. „Ganz Paris träumt von der Liebe, denn dort ist sie ja zuhaus.“ — Doch mit dem Älterwerden wird die Vorstellung, die man von der Liebe hat – leider oder zum Glück – komplexer. Liebe kann kompliziert sein. Liebe macht verletzbar. Das, was man fälschlicherweise für Liebe hält, kann Schaden anrichten. Liebe kann aber auch das Schönste und Wertvollste sein: Ein großes Glück und Geschenk, das heilt und vereint.
Dann kann Liebe „Einfach Liebe“ sein.


Alle Gedichte und Geschichten © Anita Hasel


Einfach lieben

Einfach spüren, wie du mich streichelst.
Einfach sehen, was du fühlst.
Einfach sagen, was ich denke.
Einfach für dich da sein.
Einfach lieben.

Einfach Liebe

dein Lächeln, das mich ansieht
deine Hände, die mich streicheln
deine Arme, die mich umsorgen
deine Hilfe, die mich rührt
dein Versprechen, das mich hält
deine Liebe, die so einfach ist


Sucht nach Liebe

Ich glaub‘, ich sehne mich
nach dem warmen, vertrauten Klang der Stimme,
nach den Händen, die alles tun, ohne zu fordern,
nach den Gesten, die verstehen,
nach den Augen, die so viel sagen –
trotz all der nichts sagenden Dinge, die uns berauben.

Ich glaub‘, es drängt mich,
meinen Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu geben,
zu wissen, da ist jemand, der würde alles für mich tun,
zu wissen, er würde mich verstehen,
all meine Ängste, Zweifel, Hoffnungen, Wünsche erahnen –
und all mein Glück.

Ich glaub‘, ich bin süchtig,
nach Wärme,
nach Geborgenheit,
nach Zufriedenheit,
nach Harmonie,
– nach Liebe.


Das Hohelied der Liebe (aus der Bibel, 1. Korinther 13)

„Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.
Und wenn ich weissagen könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, der Berge versetzt, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte die Liebe nicht, so wäre mir es nichts nütze.

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie stellt sich nicht ungebärdig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht an, sie freut sich nicht mit der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.

Die Liebe hört niemals auf.

Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, die drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“


Die geheimnisvolle Frau

Gefühle werden nicht dement – eine Kurzgeschichte

„Es geht alles vorbei“, sagte sie noch und ging dann weiter.
Herrmann Schad schaute ihr nach und schmunzelte, obwohl sie ihm leid tat. Vornübergebeugt schob sie den Rollator vor sich her und schlurfte dabei über den Kies des kleinen Rundweges. Frau Meier mit „ei“ wie in Kartoffelbrei, eine wunderliche alte Frau, dachte er. Wie sie das „ei“ betont hatte, als würde sie mit einem Kleinkind reden, es war einfach zu drollig gewesen.
Eine gut aussehende, ältere Dame auf der Bank ihm schräg gegenüber lächelte ihn an. Höflich lüpfte Herrmann seinen Hut und strahlte zurück. Was für ein hübsches Gesicht, das musste er sich näher betrachten. Mit federndem Schritt ging er auf sie zu.
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Liebesdinge

Wer haucht den Dingen Leben ein?
Mit Lieb‘ geschenkt glänzt so ein Ding
noch heller als der schönste Ring
noch nobler als ein Edelstein.

Das kann nur wahre Liebe sein,
die Achtsamkeit bedachtsam schwört
mit feinen, wundersamen Dingen
die Zärtlichkeit und Zartheit bringen.

Ein kleines Glück von großem Wert,
zerbrechlich, viel zu leicht zerstört
in jähem Zorn, im hohen Fall
mit einem wahren Donnerknall

bricht so für immer dieser Schein.

Wer haucht den Dingen Leben ein?


Unverschämtes Glück

Manchmal verpasst man aus lauter Angst sein Glück: Eine Kurzgeschichte

Paula und Paul gehörten zusammen wie der Wind und das Meer. Seit dem Tanztee. Das war schon sehr lange her. Sie erinnerte sich noch gut an die steinharten Biskuits, an denen der Zuckerguss abbröckelte, wenn man sie anfasste. Im gleichen Viertel war damals ein Zahnarzt ansässig, der an den Tanzteeopfern ganz gut verdiente. Edle Biskuits nach Herrenart. In heiße Schokolade getaucht, konnte man sie sogar eine echte Leckerei nennen.
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Versehrte Verse

Verliebt, verlobt, verlogen.
Veralberung? Verhört?
Versprechungen verbogen.
Veronika verstört.

Verlobter Vera Verde
verräterisch verschwieg!
Vergangenheit, verkehrte,
Veronika vertrieb.

Verwirrt, Verstand verwaist.
Versprechungen verblassen.
Veronika verreist.
Verliebt, verlobt, verlassen.

Zeit fliegt

Das Zeitphänomen

Wieso gehen wir so verschwenderisch um mit der Zeit, von der wir doch immer zu wenig haben? Wir leben immer länger, doch wir werden schneller alt. Wie kann das sein? Und je älter wir werden, umso schneller scheinen die Jahre davon zu fliegen. Wie kommt das? Wir haben heute fast doppelt so viel Lebensjahre zur Verfügung als vor 100 Jahren. Doch was machen wir mit unserem Bonus von etwa 40 Jahren mehr an Lebenszeit? – Wir suchen Zeitvertreib!

Wunderliches Wort:
die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigt’s nicht:
wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem?
(Rainer Maria Rilke, 1875-1926)

Ja, wir vertreiben die Zeit und wundern uns, dass sie an uns vorbeirast, als wäre der Teufel hinter ihr her. Aber wir wundern uns nur kurz und auch nur zum Jahreswechsel oder bei Geburtstagen. Wie schnell ist das Jahr vergangen, wo ist es geblieben und vor allem: Was ist uns davon geblieben? Erinnerungen? – So viele Fotos von so vielen Reisen: Wo war das noch mal? Mit wem waren wir dort und wann war das? – Erfolge? So viele Termine im Kalender: Meetings, Workshops, Brain Storming, Mind Mapping, To do’s. – Doch wie hat sich das alles angefühlt? Manchmal fühlen wir nur noch die Ohnmacht im Hamsterrad und treten doch immer schneller.


Alle Gedichte © Anita Hasel


Einfach mal nichts tun und der Zeit beim Blieben zusehen

Die Zeit zu Besuch

Der kurze Tag ist fast schon warm.
Die Sonne nimmt mich in den Arm.
Sie streichelt meine blasse Haut.
Der Wind ist still, der Reif getaut.
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Wir vertreiben uns die Zeit, obwohl wir so wenig davon haben

Vertriebene Zeit

Müde noch, im Morgenmantel,
bin ich starr, vor Schrecken bleich.
Hör’ vom Crash am Börsenhandel,
Aktienkurse fallen gleich!

Schweift mein Blick durch die Rubriken,
tropft Kaffee auf’s Feuilleton.
Zwischen Honigbrot und Kriegen
läutet Sturm das Telefon.

Ampeln, Autos, Menschenmassen,
rasen grau an mir vorbei.
Brainstorming beim Wasserlassen
macht den Kopf dann wieder frei.

Wie hab’ ich die Zeit vertrieben,
dass sie floh wie ein Gespenst?
Wo ist nur der Tag geblieben?
Im Nirwana ist er längst!

Mittagspause, reden, kauen,
immer mit dem Blick zur Uhr.
Nebenbei, beim E-Mails schauen,
freundlich grüßen auf dem Flur.

Zu dem nächsten Treffen hetzen –
Internet gibt’s auch im Zug.
Kann mich mit der Welt vernetzen,
Konkurrenz, die gibt’s genug.

Wie hab’ ich die Zeit vertrieben,
dass sie rann durch meine Hand?
Wo ist nur mein Jahr geblieben?
Ungenutzt und unerkannt!

Auch der Doktor kann nichts finden,
sparsam ist sein rascher Rat.
Sollt’ ich mich vor Schmerzen winden,
wär’s um seine Kasse schad’.

Also hau’ ich in die Tasten,
frag’ das World Wide Web: Warum?
Probier’ alles – außer Fasten,
doch die Werte bleiben krumm.

Wie hab’ ich die Zeit vertrieben,
dass sie schwand in einem Nu?
Nur der Tod ist mir geblieben,
ewig währet dann die Ruh’.

Kann schon bald auf Wolke Sieben
endlich tun, was ich versäumt:
Sinnen, spinnen, leben, lieben,
und das sein, was ich erträumt.

Dumm ist nur, ich kann’s nicht drehen.
Ignoranz ist einerlei.
Sicher wird der Traum verwehen,
denn mein Leben ist
vorbei.


Im Sauseschritt ins Altersheim

Life is live

Life is live in meinem Leben,
vieles muss es mir noch geben,
auch wenn ich schon 50 bin.
Wo sind all die Ages hin?

Im Pyjama, ungestylt,
vom Burn-out noch nicht geheilt,
mit dem Birthday-blues im Haar,
kommt der Tag nicht wonderbra.

Antiaging, Bodylotion,
turned mich an in High-Slow-Motion.
Hairstyling im Wet-look-Look,
geht dann eher schon ruck-zuck.

Wenn der Boss im Office wartet,
mit dem Dress-Code, streng geartet,
trägt ein Broker besser nie
Streetwear made in Germany.

Brainstorming beim Kick-off-Treff,
Babyface und Softie-Bluff,
Stand by für das Management,
das die Worst-case-Deadline kennt.

Schnell ein Break zum Powernap
puscht den allergrößten Depp.
Public Viewing after Work –
Party ist niemals verkehrt.

Dabei frag‘ ich mich im Stillen:
Wann denn kann ich endlich chillen?
Extrem-Couching wär‘ jetzt fein,
doch da fällt mir wieder ein:

Real life im Stand-By-Modus
geht heut‘ nur noch auf dem Lokus.
Ohne Power-Motivation
schlägt dich die Old Generation.

Silverager schwer im Kommen,
„50plus“ den Schreck genommen,
„Well off old“ die People heißen,
Woppies ruft man diesen Greisen

hinterher, wenn sie beim Walken
nur mit Happy-Enders talken,
oder ohne Treppen steppen,
um die Muckies aufzupeppen.

Life is live in meinem Leben –
nur nach oben führt mein Streben,
himmelwärts mit 108:
Happy end – zu was gebracht!


Die Gegenwart dauert nur drei Sekunden!

Moment, bleib mal da!

Wieder ist der Tag ganz jung
und rüde, um mit kühlem Schwung
die müde, angestaubte Haut zu waschen.

Wieder kommt die Nacht auf Zehen,
samtig, wenn die Strahlen gehen,
hastig von dem Licht zu naschen.

Wieder dreht ein Jahr im Kreise,
rundet seine bunte Reise,
wendet hurtig für die Raschen.

Doch es bleibt zum Schluss die Freude,
süchtig nach dem dünnen Heute
flüchtig den Moment zu haschen.


Wie wäre es, wenn unser Leben ewig gut und schön bliebe?

Das ewige Leben

Ach du mein gelobtes Gestern!
Deine Schwestern
Liebe, Lachen, Leichtigkeit,
ließen mich verwaist zurück,
und mit dir ging auch mein Glück.

O du mein verhasstes Heute!
Alle Leute
lieben, leben unbeschwert,
heiter in den Tag hinein,
als gäb’s immer Sonnenschein.

Nichts mehr fürchte ich als Morgen!
Deine Sorgen,
Alter, Trauer, Tod und Leid,
hüllen mich in schweres Tuch,
liegen auf mir wie ein Fluch.

Könnt’ doch immer Gestern sein,
jung das Leben, süß der Wein.
Jede Stunde gäbe mir
Glücklichsein im Jetzt und Hier,
in Erwartung auf den Tag,
was er morgen bringen mag.

Ging’ die Zeit nie mehr vorbei,
wär’ ich sorgenlos und frei.
Hätt’ mein Leben keine Frist,
könnt’ ich’s nehmen, wie es ist.
Bräucht’ ich weder Glück und Mut,
könnt’ ich sagen: Es ist gut.

Ewiglich sei meine Freude,
immer heute,
alles neu und niemand alt,
und der Winter niemals kalt,
auch der Sommer nie zu heiß,
ohne Schweiß
sei das Leben so mein Streben,
immerdar mit süßem Trank
ohne Dank,
ohne Fehl, mir selbst genug,
könnt’ ich ohne Selbstbetrug
wirklich sagen: Es ist gut?


Mit Achtsamkeit und Fantasie das Leben mit allen Sinnen wahrnehmen: Ins Herz der Dinge sehen

Das Herz der Dinge

Wer geht den Dingen auf den Grund,
wo Zeit verweilt
im Schatten eines alten Baumes?

Wer hört das Farbenspiel
des Mondes?

Wer hält in seinen hohlen Händen
die Sonnenluft
auf den Vergissmeinnicht?

Wer riecht das frohe Seufzen
nun endlich satter Erde?

Wer spürt die Ewigkeit
im Lachen
eines Kindes?

Wer schmeckt die Lust
nach Salz und Sonne
auf der Wange?

Wer Welten auf den Pinsel streicht,
um sie ins Licht zu tauchen,
der schaut ins Herz der Dinge.


Im Büro von einem Termin zum anderen gejagt

Die Terminatorin

Termine machen uns viel Freude!
Da treffen sich so viele Leute
und alle zu der gleichen Stund´
und zu dem gleichen Thema gar!
Ja, ist denn das nicht wunderbar?

Termine machen ist so toll,
vor allem, wenn man weiß, man soll,
doch aber nicht mehr wie und wann.
Die Sekretärin, die man fragt,
seltsamerweise gar nicht klagt.

Termine machen macht sie froh.
Beim Mittagessen, auf dem Klo,
und auch beim leisen Büroschlaf
ist keiner ganz gefeit vor ihr –
sie findet alle im Revier

und schickt sie quer durch alle Gänge,
im kleinsten Raum die Menschenmenge
erscheint auf ihr Kommando schnell.
Als Herrin aller Uhren dann –
Terminatorin sein ist Fun!

Zum Geburtstag

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Gedichte


Geburtstagswünsche

Wie heute soll die Sonne immer für dich strahlen,
der Morgenhimmel soll dir rosa Wolken malen,
am Mittag sollen Rosen dich am Wegrand grüßen
und dir die Träume in der Nacht versüßen.


Dein Garten soll
so grün,
voll saftig praller Früchte sein,

wo Düfte blüh’n
und Himmelswesen
trunken von dem hellen Schein

ins Blau
der Wattewolken sinken –

dort sollst du
Nektar trinken.


© Anita Hasel

Reue

Schon wieder ist ein Feier-Tag
mit schnellem Schritt gekommen,
den manch‘ ein Mensch nicht feiern mag,
der von der Zahl benommen,

die sich im vieler Jahre Lauf,
in große Höhen schraubte.
Das Alter nahm man gern in Kauf
weil man als Kind noch glaubte,

dass unser Leben ewig währt
in Freud‘ und ohne Schulden,
doch wer des Besseren belehrt,
kann kaum die Zahl erdulden,

die heute auf dem Kuchen steht,
umringt von Wachs und Feuer.
Die Flamme ist schnell ausgeweht –
des Lebens Preis ist Reue.

© Anita Hasel 2015

zurück zu „Alter“

Sekundenglück

An deinem Bett bin ich ganz klein.
Kein dummer Kummer fällt mir ein,
kein Selbstmitleid, kein Streit um’s Geld.
Hier zählst nur du und deine Welt.

Ein Tier aus Plüsch auf deinem Bauch.
Ein solches Stofftier hatt‘ ich auch –
dereinst, ich saß auf deinem Schoß.
Jetzt lässt die Hand mich nicht mehr los

die meine drückt mit aller Kraft.
Das Einzige, das sie noch schafft.
Dabei war nichts für dich zu schwer.
Es ist nur schon so lange her.

Doch manchmal triffst du meinen Blick:
Ganz klar, ganz groß. Sekundenglück!
So bleibt von eines Lebens Fülle
zuletzt ein Drei-Sekunden-Wille.

An deinem Bett bin ich ganz klein,
so vieles fällt mir dabei ein.
So vieles warst du einst für mich:
An all das denk‘ ich jetzt für dich.

© Anita Hasel 2015

 

Unverschämtes Glück

Paula und Paul gehörten zusammen wie der Wind und das Meer. Seit dem Tanztee. Das war schon sehr lange her. Sie erinnerte sich noch gut an die steinharten Biskuits, an denen der Zuckerguss abbröckelte, wenn man sie anfasste. Im gleichen Viertel war damals ein Zahnarzt ansässig, der an den Tanzteeopfern ganz gut verdiente. Edle Biskuits nach Herrenart. In heiße Schokolade getaucht, konnte man sie sogar eine echte Leckerei nennen.

„Darf ich bitten?“, hatte er sie damals gefragt, einfach so, ohne sich vorzustellen. Ein junger, großer Mann, an dem der Anzug schlotterte. Seine Fliege war lindgrün, und sie hing ein wenig schief unter seinem spitzen Adamsapfel. Auf seinem schmalen Hals saß jedoch ein ganz passabler Kopf: Keine abstehenden Ohren, die Nase nicht zu klein und helle, kluge Augen. Ein Mann, den „Frau“ nicht so einfach übersah. Noch dazu war er wirklich gut rasiert. Und er roch auch so.
xxxSie atmete tief ein, als läge sein Duft immer noch in ihrer Nase.
xxx„Wer fragt das?“, entgegnete sie barscher als beabsichtigt.
xxxÜber den hellen Augen zog eine Wolke auf.
xxx„Sind Sie blind?“, fragte er. Seine Stimme klang jedoch eher besorgt als kess. Fast zärtlich.
xxxSie erhob sich. „Sehe ich so aus?“
xxxEr betrachtete sie abschätzend. „Eigentlich sehen Sie so aus wie die Frau, mit der ich gerne tanzen würde.“ Sein ernster Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass er es genauso meinte.
xxxPaula wurde tatsächlich rot. Sie ärgerte sich darüber. „Ich lasse mich schon bitten – doch vorher wüsste ich gerne, von wem.“
xxx„Ich bin Paul“, sagte Paul und streckte ihr die Hand entgegen.
xxx„Paula.“ Sie gab ihm die ihre.
xxx„Na, da passen wir ja prächtig zusammen.“
xxxSie kicherte.

„Das gibt’s nur einmal“, spielte die kleine Kapelle. Ein ganz neues Lied – der Text zu schön, um wahr zu sein. Schon bei der ersten Drehung trat er ihr auf den Fuß. Er sah besser aus als dass er tanzen konnte. Nach einer Weile bewunderte sie sogar seinen Mut, sich überhaupt auf die Tanzfläche zu wagen. Erstaunlicherweise war sie kein bisschen ärgerlich, obwohl das rosa Sparschwein für ihre hochglanzpolierten Tanzschuhe sein Leben hatte lassen müssen. Später hatte er ihr gebeichtet, dass es ihn total viel Überwindung gekostet hatte, sie überhaupt zum Tanzen aufzufordern.

Ja, Paul war immer schon etwas Besonderes. Für Paula war er ihr Sonnenschein. Trübe Tage, sicher, die gab es auch, so wie man es sich vor dem Altar versprach: In guten wie in schlechten Zeiten. Einander lieben, wenn man glücklich ist, ist wahrlich kein Kunststück. Liebe zeigt sich erst dann, wenn es darauf ankommt. Wenn der Geldregen ausbleibt, die Wehwehchen kommen und die Sorgen nicht mehr über Nacht verschwinden.
xxxAber damals war alles ganz einfach. Man war jung und vertraute seinem Herzen, dass es den richtigen Weg einschlug. Liebe kam ohne Vorwarnung und blieb bei dem, der sie zu schätzen wusste. Nur ein Dummkopf würde sein Glück mit Füßen treten. Nachdenken war antiquiert. Wenn ein junges Ding von einem stattlichen Mann umworben wurde, konnte es sich glücklich schätzen. Und Paul war damals schon Anwärter auf eine gut bezahlte Managerstelle bei der Keksfabrik. Schon nach einem halben Jahr wollte er sie heiraten. Was für ein unverschämtes Glück!

„Darf ich Sie nach Hause begleiten?“, fragte Paul, als der Tanztee beendet war.
xxxPaula nickte, und sie gingen nebeneinander her, eine ganze Weile. Ein harmloser Spaziergang im späten Licht des langen Tages. Er redete, sie hörte zu. Worüber er sprach, war ihr einerlei. Sie mochte seine Stimme. Ein warmer Klang, irgendwie vertraut. Nach etwa einer Stunde kam das Tanztee-Lokal wieder in Sichtweite. Sie blieb stehen, zwei Häuser nur noch bis zum dem Punkt, an dem er ihr angeboten hatte, sie nach Hause zu bringen.
xxx„Danke“, sagte sie, öffnete ihre Handtasche und nahm die Haustürschlüssel heraus.
xxxEr sagte kein Wort, kein Ausdruck des Erstaunens, sondern schenkte ihr ein Lächeln. So wie er es danach immer tat, wenn sie ihn neckte. Auch dafür liebte sie ihn.

Zwei Tage später erhielt sie den Brief von ihm. Den ersten. Mit einer feinen, akkuraten Schrift, es war fast ein Gemälde, blaue Tinte in Sütterlin. Er hatte sein Herz verloren. Nicht in Heidelberg, sondern in Hannover, beim Tanztee. Er konnte nur noch an sie denken, an die Art, wie sie den Kopf hielt, wenn sie ihm zuhörte und an ihr bezauberndes Lächeln. Noch nie hatte ihr ein Mann so etwas geschrieben. Noch dazu auf Pergament. Der Brief zitterte leicht, als sie ihn wieder zusammenfaltete.

In ihrer alten Schmuckschatulle lag er heute noch, zusammen mit den anderen Briefen. Geschnürte Bündel voller Glückseligkeit. Was für ein unverschämtes Glück!

„Haben Sie ihn gekannt?“ Eine alte Dame mit Sonnenhut riss sie aus ihren Gedanken.
xxx„Wen gekannt?“ Sie erschrak.
xxx„Na, meinen Mann. Sie stehen vor seinem Grab.“
xxxJetzt war sie wieder in der Gegenwart, roch den Maiglöckchenduft und spürte den Schmerz in ihrem krummen Rücken. Paul Klee. Die goldenen Buchstaben auf dem schwarzen Stein glänzten im Sonnenlicht.
xxx„Er war ein Jugendfreund“, antwortete Paula.
xxxDie alte Dame bedachte sie mit einem kritischen Blick, die Gießkanne in der Hand. „Kennen wir uns?“, fragte sie.
xxxPaula schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube nicht. Wir – das heißt Ihr Mann und ich – hatten uns schon vor langem aus den Augen verloren. Ich habe nicht einmal gewusst, dass er tot ist. Bis ich zufällig an seinem Grab vorbei kam.“
xxx„Es ist ein Jammer“, sagte die Dame, und ihre Gießkanne neigte sich über die Maiglöckchen. „Ein Leben lang war er gesund. Dass es so plötzlich mit ihm zu Ende gehen sollte, wer hätte das gedacht.“

Paula bückte sich, ihrem altersschwachen Kreuz zum Trotz, und rückte einen Stein an der Grabumrandung zurecht. Wie zufällig fuhren ihre Finger über den Marmor, der sich trotz der warmen Sonne kalt anfühlte. „Wie war er denn so?“, fragte sie.
xxxDie alte Dame runzelte die Stirn.
xxx„Als Mann, meine ich. War er ein guter Mann?“
xxxDie Witwe hielt einen Moment inne, stellte die halbleere Kanne ab. Zuerst machte sie den Eindruck, als sei sie verärgert. Etwas lag auf ihren Lippen. Aber dann senkte sich ihr Blick auf das goldene Ringpaar an ihrer linken Hand. Sie schmunzelte.
xxx„Ein guter Mann, ja, das war er. Ich hatte unverschämtes Glück, ihn zu bekommen. Wobei…“, sie sah auf, „…es nicht so ganz einfach war, am Anfang.“ Ihr Blick schweifte ab. Bedächtiger fuhr sie fort: „In der Oststadt gab es damals ein Lokal, das hieß „Zum goldenen Engel“. Dort gaben sie jeden Samstagnachmittag den Tanztee. Da hatte ich ihn kennengelernt. Aber bis er mal mit mir ausging, ich kann Ihnen sagen, das hat gedauert.“ Sie grinste. „Er war ja so was von schüchtern, nie hat er mich aufgefordert. Später hat er mir gebeichtet, dass er sich nicht getraut hatte wegen seiner schlechten Tanzkünste.“
xxxPaula hatte ihren Paul jedoch ganz anders in Erinnerung. Schüchtern, nein, das war Paul nicht. Doch sie sagte kein Wort.
xxx„Und bis er mich endlich mal ausführte, ich glaub, bis dahin vergingen Monate. Wäre ich nicht so beharrlich geblieben, wäre aus uns nie ein Paar geworden. Tja, was ich mir mal in den Kopf setze, davon bringt mich so leicht keiner ab. Anfangs hatte ich ja sogar den Verdacht gehabt, da gäbe es eine andere, für die er sich interessiert. Aber die hat ihm dann wohl den Laufpass gegeben – zum Glück.“ Sie wurde wieder ernst. „Wir hatten eine recht harmonische Ehe, und ich denke gern daran zurück – jetzt, nachdem der Schmerz nicht mehr ganz so groß ist.“ Sie wandte sich wieder den Pflanzen zu.
xxxMit einem knappen Gruß ging Paula weiter. Doch aus sicherer Distanz blieb sie stehen, drehte sich um und beobachtete das stumme Zwiegespräch am Grab mit dem großen, schwarzen Marmorstein.

Paula und Paul gehörten einst zusammen wie der Wind und das Meer. Sie hatte es gefühlt, damals, und sie hätte es auch wissen müssen. Doch schon seine Briefe hatten ihr Angst eingejagt. Die Worte auf dem Papier waren zu schön geschrieben, um wahr zu sein. Und dann der Verlobungsantrag! Nach so kurzer Zeit! So viel Glück war doch unverschämt. So etwas konnte es doch gar nicht geben!

Als sie die Haustür öffnete, empfing sie wieder die Stille. Es roch muffig, nach Mottenkugeln und Haarspray. So wie sie immer roch – die Einsamkeit.
xxxPaula kochte den Kaffee, goss ihn in zwei Tassen und stellte beide auf den Wohnzimmertisch. Der Sessel neben ihr war leer, doch sein Foto stand daneben. Eingerahmt in Silbergrau, das Papier farblos vergilbt. Er lachte sie an, und nach dem ersten Schluck fragte sie: „Warum trinkst du nicht? Es ist doch dein Kaffee – ich habe ihn zufällig wieder gefunden. Dachte schon, es gibt die Marke gar nicht mehr.“ Sie zögerte. „Er ist selten geworden. Den zu bekommen, dafür muss man schon unverschämtes Glück haben.“

© Anita Hasel

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Zum Geburtstag hat man Freud‘

Zum Geburtstag hat man Freud‘
lädt man ein ganz viele Leut‘.
Nicht’s ist schöner als der Tag,
an dem man sie bewirten mag.

Und schon fängt man an zu denken:
Was soll jeder nur mir schenken?
Und was soll’s zum Essen sein?
Limonade, Bier und Wein?

Bei der Planung für das Essen,
nicht die Allergien vergessen!
Vitaminintoleranz
und die Abneigung für Gans

fügen sich von ganz allein
in den Speiseplan mit ein.
Hauptsach‘, alle werden satt.
Nachtisch steht noch auf dem Blatt,

das ich froh zum Schoppen nehme.
Kaufe Leberkäs‘ und Creme,
Hühnerbein und Zuckerhut
ist für alle Leute gut.

Kochen ist nun angesagt,
eine Stund‘ die and’re jagt,
Töpfe klappern, Löffel wirbeln,
lustig ist das Teigverzwirbeln.

Malerisch ist meine Küche,
deftig sind die Kochgerüche,
fettig klebt das Zeranfeld:
Kochen ist halt meine Welt!

Nur noch fix die roten Tropfen
von der Wand, schön hört man’s klopfen,
herrlich strahlend, meine Gäste,
freuen sich auf’s Jubelfeste.

Geben Küßchen und viel Sachen,
die mir eine Freude machen.
So sehr gerührt, voll Blumenstrauß,
komm‘ ich nicht aus dem Staunen raus.

Hat man Glas und Platz gefunden,
von den Keksen die Gesunden,
sind Gespräche schnell im Gang,
fängt man bei der Kindheit an.

Viel zu kalt wird dann das Essen,
viel zu wenig wird gegessen,
nicht zu wenig wird getrunken,
heiter ins Gespräch versunken,

wird gescherzt und viel gelacht,
gerne bald zurückgedacht,
denn zum Geburtstag hat man Freud‘,
das sagen mir die lieben Leut‘.

Doch noch schöner als der Tag,
an dem ich sie bewirten mag,
ist für mich das Allerbeste:

Auch die Freunde haben Feste!

© 2011 Anita Hasel