Archiv der Kategorie: Allgemein

Die Frau im Spiegel

Augen aus dem Spiegel schauen
wohl vertraut in mein Gesicht.
Kann ich meinem Anblick trauen?
Bin ich du und du bist ich?

Du bist die, die mich geboren
und geliebt vor langer Zeit.
Ich bin die, die dich verloren,
damals war ich nicht so weit.

Sieh mich an mit deinen Augen,
sag, erkennst du jetzt dein Kind?
Manchmal kann ich es nicht glauben,
Falten kamen mit dem Wind.

Ich steh’ fest in meinem Leben,
mittendrin, wie damals du.
Freunde hat es mir gegeben
und den Mann zum Glück dazu.

Hab’ viel von der Welt gesehen.
Ach, du fragst nach Angst und Pein?
Sah sie kommen und auch gehen.
Wie es war, so sollt’ es sein.

Wird die Trauer jemals enden?
Und was bleibt in Ewigkeit?
Liegt das Glück in meinen Händen?
Gibt es Liebe ohne Leid?

Niemand kann das wirklich wissen,
nicht im Jenseits oder Hier.
Immer werd’ ich dich vermissen,
denn du bist ein Teil von mir.

 

Sackträger

Das Sackträger-Gedicht

Mein Großvater (geb. 1900 in Mannheim) liebte es, Gedichte in Mannheimer Mundart auswendig vorzutragen. Das folgende Gedicht dürfte in den 1930er Jahren entstanden sein, in einer Zeit, als die Sackträger im Mannheimer Hafen nach und nach arbeitslos wurden, da moderne Maschinen ihre Arbeit übernahmen. Ich hatte es, als er es wieder einmal vortrug, aufgenommen und dann aufgeschrieben. Der Autor ist leider unbekannt.

Dass es mit “Ihr liewe Leit” beginnt, ist kein Zufall: Viele alte Mannheimer Gedichte wurden für eine Zuhörerschaft geschrieben – und das habe ich wohl schon als Kind verinnerlicht (siehe oben). *smile*

Die Mannheimer Sackträger (ca. 1789 – 1950) wohnten im Hafengebiet (Jungbusch/Filsbach), waren ein raues, aber friedliches “Volk”, hart arbeitend und mit gutem Verdienst. Ihr Dialekt war besonders, viele Wörter hatten ihren Ursprung im Jüdischen (ihre Arbeitgeber waren oft jüdische Spediteure, Getreide- und Tabakhändler). In der Beilstraße, Mannheim-Jungbusch, steht heute ein Sackträger-Denkmal (Foto links).

Siehe auch diesen Artikel im Mannheimer Morgen:
“Die kräftigen Männer vom Hafen”

Hier die Aufnahme meines Großvaters, Herrmann Spohn, als er es, schon 91 Jahre alt, auswendig vortrug:

Ihr liewe Leit, isch sag Eich bloß:
In unserm Handwerk is nix mehr los.
Sackträger zu sei is kä Vergniesche mehr
denn ewe macht ma jo die Schiffe leer
mit Elevator und sonstige Maschine
und känne uns kaum noch än Schnaps verdiene.

Ach, wie du isch als beneide,
die schäne vergangene goldene Zeite,
wo du hoscht im Handumwenne
de Lappe, de Bolle verdiene känne.

Doch awwer heitzudag, o mei,
do bild sich jeder Schereschleifer ei,
dass im Grunde genumme er wie domols
än echter Mannemer Sackträger wär.

Scheiweschiewer sinds zum Bediene
vun moderne Kraftmaschine.
Gibt’s zum Beispiel sozusage
mol im Gnick was Schwers zu trage,
knicke se zsamme und losses steeh
mit ihre därre Schneidersbee.

Zwe Zentner, ach Ihr liewe Leit,
des war fer misch ä Klänischkeit.
Die habb issch dir ja ganz uschäniert,
wie än Seeldänzer iwwer die Diel balanschiert.

Korz um, wir ware, wie isch sag,
än ganz padenter Menscheschlag.
Respekt war do, wonn wir sinn kumme.
Vor uns hott ma sich in Acht genumme.

Wie habb isch ämol wege äm fresche Betrage
änem Unneroffizier des Maul verschlage,
weil der uverschämte Kunne
immer die Rekrutte geschunne.

“Isch blos disch uff wie än Wasserfrosch
mit deiner ugsalzene Wellfleschgosch.
Hau dir dein Wersching knippeldick
und hau dir in dei Tropsbiergnick!

Wie ich dir jetzt dei Maul verstopp,
du abgequellter Kartoffelknopp.
Loscht die Regrutte nett in Ruh,
du upolierter Deeg-Aff du?”

Unn habb ihm mol fer fuchzig Grosche
gehärisch mol die Schnut verdrosche.
So habb ich geredt mit demm Ihr Leit,
der war kuriert fer alle Zeit.

In unserm Stammlokal, do wars famos,
do vornne in de alte Ros,
wo ma hott abgerisse jetzt,
do hawwe mer manchen Schoppe gepetzt.
Unn habb do a so mansche Tage
de schänste Aff mit hähm getrage.

Doch jetzt sinn alle Worte leer.
Was vergange is, des kummt nit mehr.
Alt is mein Kopp unn aach die Bäh
und’s Schaffe will nett mehr recht geh.

Drum machts mich immer sorgenvoll,
wie isch misch jetzt ernähre soll.
Do bei de Stadt, do kännt isch ewe
gemietlich als Beamter lewe.

Na um die Zeit mer zu vertreiwe,
dät isch mer als de Buckel reiwe.
Unn wär isch mied, gäbs nix zum Lache,
dät isch am Pult mei Schläfle mache.

(Verfasser unbekannt)

Gästebuch

 

 

 

 

 

 

17.06.2018

Lieber Herr Gauwitz,
vielen Dank für Ihre E-Mail und für die Infos zur damaligen Brückenbezeichnung, ich werde die Bilder entsprechend umbenennen.
Es freut mich immer, Rückmeldungen zu meinem Blog zu erhalten. Dafür schreibe ich, um Gedanken auszutauschen, die eigene Sicht der Dinge mit anderen Betrachtungsweisen zu vergleichen. Und vor allem möchte ich zum Nachdenken anregen – in punkto Zeitinvestition ein Luxus, den sich heutzutage leider nicht mehr viele gönnen.

Freundliche Grüße aus Ludwigshafen
Anita Hasel

16.06.2018

Guten Tag Frau Hasel!

Mit Wohlgefallen habe ich beim Stöbern nach historischen Bildern von Mannheim auch die ihrigen entdeckt.
Schmunzeln musste ich jedoch bei den Unterschriften von zwei Bildern, auf denen die ehemalige Rheinbrücke zwischen Mannheim und Ludwigshafen zu sehen ist.
Konrad Adenauer hatte zwar als amtierender deutscher Bundeskanzler schon ein beachtliches Alter erreicht, aber 1929 und 1935 war er doch noch zu jung und unbedeutend, als dass diese Rheinbrücke damals schon nach ihm benannt gewesen wäre.
Soweit ich das auf die Schnelle bei Wikipedia erfahren konnte, hieß die damalige Brücke einfach nur Rheinbrücke. Ein Brückenneubau von 1959 wurde dann 1967 zu Ehren Konrad Adenauers umbenannt.
Aber das Beste, ich habe ihre Seite gefunden, die interessant vom alltäglichen Internet abzuweichen scheint. Schau’n wir mal.

Mit freundlichen Grüßen
Friedel Gauwitz


21.07.2017

Guten Tag liebe Frau Hasel,
Ihr Gedicht ist mal wieder super angekommen! 😍
Das Brautpaar war wirklich sehr gerührt, grade weil auch die Mütter mit involviert waren!

Ihre Worte treffen immer 100 %-ig ins Schwarze und sagen sooo viel aus!
Nette und liebe Worte, welche man über eine Person zu sagen hat oder was man jemandem schon immer mal sagen wollte, wirken in ein Gedicht oder einen schönen Reim verpackt, wie Magie.
Alle sind gebannt, kriegen Gänsehaut und sind zu tränen gerührt.
Was sie aus ein paar persönlichen Informationen an Persönlichkeit und Liebe daraus machen, ist unfassbar !
Und das in kürzester Zeit!
Ich bin einfach nur begeistert und habe und werde Sie stets weiterempfehlen!! Und immer, wenn ich jemandem etwas wichtiges mitteilen möchte, gerade bei besonderen Anlässen, werde ich immer auf Sie zurück kommen!
Auf Sie kann man sich verlassen und für mich sind Sie eine Magierin der Worte!!

Aller herzlichste Grüße
Deborah R. aus Bottrop


26.01.2016

Hi Anita,
echt klasse, was du hier mit ein paar wenigen Angaben zusammendichten konntest.
Tanja fand´s echt gut und das Gedicht hat auch echt gut zum Rahmen gepasst.

Liebe Grüße, Carmen

Ludwigshafen in Bildern

Ludwigshafen am Rhein, die Stadt in der ich wohne, ist – entgegen ihrem Ruf als hässliche Industriestadt – durchaus auch fotogen: Man muss sie nur aus dem richtigen Blickwinkel betrachten.

Die Mannheimer haben da ihren besondern “Blickwinkel”: Im 19. Jahrhundert erhielt Ludwigshafen den Spitznamen “Lumpehafe”. “Lump” war eine Anspielung auf die Arbeiter der wachsenden Industrie, die für proletarischer angesehen wurden als zum Beispiel die Bürger Mannheims. Bayrische Beamte sahen es damals als Strafe an, nach Ludwigshafen (oder ganz allgemein in die Pfalz) versetzt zu werden. So entstand der Spruch: “Wen der liebe Gott will strafen, den schickt er nach Ludwigshafen.”

Meine Vorfahren väterlicherseits kommen aus Mannheim und mütterlicherseits aus Ludwigshafen. Ich wohne völlig freiwillig und ausgesprochen gerne in LU. Die Menschen dort sind – genauso wie in Mannheim – offen und geradeheraus, kommunikativ, hilfsbereit und engagiert.

Hier nun in Bildern mein Blickwinkel auf LU:

© Copyright Anita Hasel – Alle Fotografien sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung und Bearbeitung, bleiben vorbehalten.

Ein Klick auf ein Foto öffnet die Galerie.

Mannheimer-Mundart-Gedichte

Mannheimer Mundart, mannemerisch oder monnemerisch: Wenn man in einem Dialekt-Gebiet aufwächst, ist das die Sprache, mit der man lernt, Emotionen auszudrücken. Daher fällt das im Dialekt auch am leichtesten. In der Muttersprache fühlen wir uns zuhause bzw. in die Kindheit zurück versetzt. Wer schon einmal im Urlaub unvermittelt einen anderen Mit–Muttersprachler am Klang der Stimme erkannt hat, weiß, was ich meine.

Aus unserer heutigen Zeit:

Aus vergangener Zeit / Historisches Mannheim:


Die Schlagloch-Säsong (Die Schlagloch-Saison)

Uff unsre Stroße is was los!
Ihr liewe Leit, isch sag Eisch bloß!
O Lympia, do werschde blass,
denn hier in Mannem uff de Gass
dut die Schlagloch-Säsong beginne,
doch leider konnscht do nix gewinne.

Beim Slalom-Fahre in de Stadt,
um Asphaltriss, do bischte platt,
mutiert die Stroß zur Buckelpisst,
was net gonz ugefehrlich is.
Des Stroßebild vum Olde Fritz,
kummt jo bald dorsch, des is kän Witz.

Die Stadt muss spare, mach kä Sache!
Do konn isch nur de Vorschlag mache:
Losst doch de Schotter Schotter sei,
unn macht die Stroße nimmer nei.
Gebbt jedem Birger halt ä Pferd,
damit widder geritte werd.

De viele Dinger dut verkaafe,
doch an die Bauersleit, die brave,
unn vum Gewinn stellt nebebei,
was fer die Oldeheime ei.
Denn Mängel sinn – isch sag’s Eich bloß –
net nur in Mannem uff de Stroß.

© Anita Hasel


Nicht-Skifahrerin-Blues

Ihr liewe Leit, is des nett schä:
Mein Schatz fährt Schi, losst misch allä!
Do konn isch due allerlei,
unn käner redd mer dobei nei!

Ihr lieben Leute, sagt, ist das nicht herrlich:
Mein Schatz fährt Ski und lässt mich endlich mal allein!
Jetzt kann ich tun, was mir in den Sinn kommt,
und keiner macht mir dabei Vorschriften!

So habb isch mir des donn gedenkt:
Die Woch geht rum, s’is jo geschenkt.
War isch denn nett ä Ewischkeit
a schunn allä, Ihr liewe Leit?!

So dachte ich dann bei mir:
Diese Woche bring’ ich auch ohne ihn gut über die Runden.
Denn es ist nicht das erste Mal,
dass ich allein bin. Sagt, Ihr lieben Leute, so ist es doch?!

De erschte Daag war a noch schä,
isch hatt Besuch, war nett allä.
Doch Elke, die so lang schunscht bleibt,
hott häm gemisst, Ihr liewe Leit!

Der erste Tag war auch ganz schön,
ich bekam Besuch, also war ich nicht allein.
Doch Elke, die sonst bleibt bis in die Puppen,
musste schon früh nach Hause, Ihr lieben Leute!

Na alla donn, habb isch gedenkt,
isch geh ins Bett, a ohne Kränk,
unn schlof misch ämol rischdisch aus.
Doch schunn um Neine, do war’s aus!

Da kann man nicht machen, habe ich dann gedacht,
ich begebe mich jetzt ins Bett, auch wenn ich nicht krank bin,
und schlafe mich einmal richtig aus.
Doch schon zu früher Stunde wurde ich wach.

Do hott misch nix im Bett mehr g’halte,
kän liewer Mann und a kän alte.
Unn schunn beim erschte Gang ins Bad,
fand isch de Sunndagmorge fad.

Da ich keinen Grund hatte, im Bett zu verweilen,
kein lieber Mann und auch kein Greis,
ging ich ins Bad, doch spätestens zu diesem Zeitpunkt
fand ich den Sonntagmorgen öde.

Isch hab dann erscht mol was getrunke,
än Kaffee aus äm schäne Humpe.
Die Sunn hots dann a gut gemähnt,
wie uff Maijorca, uverschämt,

Zuerst tat ich etwas für meinen Flüssigkeitshaushalt
und trank einen Kaffee aus einem schönen Gefäß.
Die Sonne hatte es allzu gut gemeint,
und schien, als wäre ich auf Mallorca.

so hott‘se g‘schiene, des war klor:
„Isch geh heit fort, des habb isch vor.“
Doch bei dem Vorsatz isses g’bliwwe,
bin nett nach hiwwe, nett nach driwwe.

Und bei diesem Sonnenschein kam mir der Gedanke:
Ich begebe mich alsbald nach draußen. Warum auch nicht.
Doch bei diesem Vorsatz ist es leider geblieben,
ich begab mich nirgendwo hin.

Denn so allä und ugekisst,
habb isch mein Schatz gonz arg vermisst.
Ihr liewe Leit, des is nett schä:
Mein Schatz fährt Schi, losst misch allä!

Denn so allein und ungeküsst,
habe ich meinen Schatz doch sehr vermisst.
Ihr lieben Leute, stellt Euch vor: Es ist nicht schön,
dass mein Schatz Ski fährt und mich allein lässt!

© Anita Hasel


Meun greeschder Weunachtswunsch!

(Weunachde 1991, ein Gedicht von Gerda Ziegler für ihre damals ledige Nichte)

Draus, vun de “Große Ausdauer” komm isch her,
isch will Eisch saache, es weunachded sehr.
Iwweral in de Schdad sinn die Schdroße geschmiggt,
un isch hab so monchen Benzeniggel erbliggt.

Drum will isch Eisch heit meun Weunachtswunsch saache:
Zum Feschd will ich meun eigener Nikolaus hawwe.
Der hedds bei mir schää, den ded isch verwehne,
ded äm koche, fiddere un Mährche verzehle.

Er derft mid mir schloofe, mit meum Autole fahre.
Es gäb kä Geheumnisse, isch ded äm alles saache.
Aussehe känd er wie de Reunhard May,
er mischd dischde un singe, des wer feu.

Des wer hald meun greeschder Weunachtswunsch.
So siz isch jez do, denk nooch un drink Bunsch.
Meu Donde aus Friedrichsfeld, die dud immer lache
un saachd, sie lud mer en “Rischdische” bagge.

Doch isch hoff uf ä Wunner, ´s muss doch gelinge
un des Grischkinnel werd mer meun Nigolaus bringe.
Zu zwedd wers hald schäner, mer wär nimmer allää,
a de Charlie is euverstonne un sachd, des wer schää.

Meun Wunsch is gsacht, isch mach jez ä End,
isch hoff, isch krigg uf Weunachde meu G´schenk.

… Deu aldi Donde schliessd sich o, was willschd noch mehr:
Än Nigolaus, än Nigolaus, än Nigolaus muss her!”

 

 

 

 

 

 

In liebevoller Erinnerung an meine Tante Gerda Ziegler


Das Sackträger-Gedicht

Mein Großvater (geb. 1900 in Mannheim) liebte es, Gedichte in Mannheimer Mundart auswendig vorzutragen. Das folgende Gedicht dürfte in den 1930er Jahren entstanden sein, in einer Zeit, als die Sackträger im Mannheimer Hafen nach und nach arbeitslos wurden, da moderne Maschinen ihre Arbeit übernahmen. Ich hatte es, als er es wieder einmal vortrug, aufgenommen und dann aufgeschrieben. Der Autor ist leider unbekannt.

Dass es mit “Ihr liewe Leit” beginnt, ist kein Zufall: Viele alte Mannheimer Gedichte wurden für eine Zuhörerschaft geschrieben – und das habe ich wohl schon als Kind verinnerlicht (siehe oben). *smile*

Die Mannheimer Sackträger (ca. 1789 – 1950) wohnten im Hafengebiet (Jungbusch/Filsbach), waren ein raues, aber friedliches “Volk”, hart arbeitend und mit gutem Verdienst. Ihr Dialekt war besonders, viele Wörter hatten ihren Ursprung im Jüdischen (ihre Arbeitgeber waren oft jüdische Spediteure, Getreide- und Tabakhändler). In der Beilstraße, Mannheim-Jungbusch, steht heute ein Sackträger-Denkmal (Foto links).

Siehe auch diesen Artikel im Mannheimer Morgen:
“Die kräftigen Männer vom Hafen”

Hier die Aufnahme meines Großvaters, Herrmann Spohn, als er es, schon 91 Jahre alt, auswendig vortrug:

Ihr liewe Leit, isch sag Eich bloß:
In unserm Handwerk is nix mehr los.
Sackträger zu sei is kä Vergniesche mehr
denn ewe macht ma jo die Schiffe leer
mit Elevator und sonstige Maschine
und känne uns kaum noch än Schnaps verdiene.

Ach, wie du isch als beneide,
die schäne vergangene goldene Zeite,
wo du hoscht im Handumwenne
de Lappe, de Bolle verdiene känne.

Doch awwer heitzudag, o mei,
do bild sich jeder Schereschleifer ei,
dass im Grunde genumme er wie domols
än echter Mannemer Sackträger wär.

Scheiweschiewer sinds zum Bediene
vun moderne Kraftmaschine.
Gibt’s zum Beispiel sozusage
mol im Gnick was Schwers zu trage,
knicke se zsamme und losses steeh
mit ihre därre Schneidersbee.

Zwe Zentner, ach Ihr liewe Leit,
des war fer misch ä Klänischkeit.
Die habb issch dir ja ganz uschäniert,
wie än Seeldänzer iwwer die Diel balanschiert.

Korz um, wir ware, wie isch sag,
än ganz padenter Menscheschlag.
Respekt war do, wonn wir sinn kumme.
Vor uns hott ma sich in Acht genumme.

Wie habb isch ämol wege äm fresche Betrage
änem Unneroffizier des Maul verschlage,
weil der uverschämte Kunne
immer die Rekrutte geschunne.

“Isch blos disch uff wie än Wasserfrosch
mit deiner ugsalzene Wellfleschgosch.
Hau dir dein Wersching knippeldick
und hau dir in dei Tropsbiergnick!

Wie ich dir jetzt dei Maul verstopp,
du abgequellter Kartoffelknopp.
Loscht die Regrutte nett in Ruh,
du upolierter Deeg-Aff du?”

Unn habb ihm mol fer fuchzig Grosche
gehärisch mol die Schnut verdrosche.
So habb ich geredt mit demm Ihr Leit,
der war kuriert fer alle Zeit.

In unserm Stammlokal, do wars famos,
do vornne in de alte Ros,
wo ma hott abgerisse jetzt,
do hawwe mer manchen Schoppe gepetzt.
Unn habb do a so mansche Tage
de schänste Aff mit hähm getrage.

Doch jetzt sinn alle Worte leer.
Was vergange is, des kummt nit mehr.
Alt is mein Kopp unn aach die Bäh
und’s Schaffe will nett mehr recht geh.

Drum machts mich immer sorgenvoll,
wie isch misch jetzt ernähre soll.
Do bei de Stadt, do kännt isch ewe
gemietlich als Beamter lewe.

Na um die Zeit mer zu vertreiwe,
dät isch mer als de Buckel reiwe.
Unn wär isch mied, gäbs nix zum Lache,
dät isch am Pult mei Schläfle mache.

(Verfasser unbekannt)


Start der städtischen Wasserversorgung in Mannheim im Jahr 1888

Dass Wasser im Haushalt nicht aus Leitungen fließt, kann man sich in unserer heutigen Zeit in unserem Land nicht mehr vorstellen. Noch dazu haben wir den Luxus, trinkbares Wasser jederzeit in Bad und Küche zur Verfügung zu haben, man braucht nur den Wasserhahn aufzudrehen. – Das nachfolgende Mundart-Gedicht entstand, als zum ersten Mal trinkbares Wasser in die Mannheimer Haushalte floß, am 20. April 1888: Der Hausherr versammelt seine Familie um den neuen Wasserhahn in der Küche. Doch anstatt ihn gleich aufzudrehen, hält er zuerst eine Rede vor Frau und Kindern und macht aus der einfachen Handlung ein feierliches Ereignis. Schließlich schmeckt der erste Schluck Leitungswasser so gut (“Gell, ´s is was annem?”, was soviel heißt wie: “Es hat was”, oder “Es hat einen besonderen Geschmack”), dass es als “Göttertrank” bezeichnet wird.

Die Freude und Begeisterung ist herauszulesen und auch die Bewunderung über die Ingenieurstechnik, die dies ermöglich hatte:

Brunnen am Mannheimer Wasserturm

Ihr Mannemer, ihr liewe Leit,
Was is des vor e großi Zeit!
Mer dut fascht däglich was erlewe!
Ich meen, so war’s noch nie wie ewe:
Viel Trauer um viel Herzeleed,
Doch manchmool aach e großi Freed!

Un heit, do is en Freidedag,
En Feierdag, do schaft, wer mag.
Heit loß ich was in Hals nein laafe.
Doch ohne mer en Aff zu laafe:
Ich trink von unserm Gettertrank,
Heit laaft er endlich, Gott sei Dank!

Kumm, Aldi, fiehr mich in die Kich,
Ihr Kinner folgt uns feierlich.
Lisbeth, jetzt nor nit mehr lang bsunne,
E frisches Schorzduch umgebunne.
Do schtellt Eich um de Wasserschdeen,
Die Gläser her, un jetz werd’s scheen.

Jetzt nor Geduld un nit gelacht:
Nit erscht gedreht un dann bedacht:
Erscht schmicke mer den Wasserhahne:
Ihr Buwe, her mit Eire Fahne!
So, jetzt wird noch nit uffgedreht,
Erscht halt ich noch a kleeni Reed.

Erscht kummt der Kopp, un dann die Hand,
„Denn dazu ward uns der Verschdand“.
Drum eh er schtreemt, der Gettersege,
Do wolle mer’s uns iwerlege,
Wie weit des Wasser laafe muß
Zu unserm Nutze un Genuß.

Bedenkt, im Käfferdeler Wald,
Dort bumbe se’s, so frisch un kalt,
Dann treiwe se’s dorch Wisse, Ecker,
Un mitte unne dorch de Necker
In een riesig große Rehr,
Mer ment nit, daß es meeglich wär.

So kummt’s an’s Heedelberger Dor
Drum schdeht der große Dorn davor.
Die Rohre habt er lege sehe,
Die wo durch alle Gasse gehe.
Vor Dorschluß, no, des war e Geschicht,
Hammer ach noch de Aschluß kricht.

Jetzt schdehn mer do am Wasserschdeen
Am Ziel un hoffe: s wird doch gehn?
Sie hawe’s zwar schun laafe losse
Un all die Blankebeem begosse,
Un der Hydrant in unser Gaß
Hot neilich gschbritzt, (s war alles naß), des war en Schbaß!

Alleen, wer weeß – am End, o mein,
‚s kennt was nit in Ordnung sein –
Mir bebt die Hand, mein Herz dut kloppe:
Mon, wann’s nit laaft, so werd’s doch droppe!
Ich denk, ich dreh de Hahne uff,
Mein Glas her vor dem Gettersuff.

Hurra, des zischt, des braust, des schießt –
Mein Glas is voll! Wer mit genießt,
Die Gläser her! Ach Fraa, ach Kinner,
Was vor Glick! Jetzt nunner, hinner,
Jetzt horscht amol un guckt amol,
Versucht amol un schluckt amol!

Ihr liewe Kinner, liewe Leit,
Vun heut beginnt e neii Zeit,
Es großi Zeit vor unser Mannem.
Hee, schmeckt’s Eich denn? Gell, ´s is was annem?
Gelt, `s is en wahrer Gettertrank?
Jetzt hawe mern, drum Gott sei Dank!

(Mannheim, 20. April 1888, Autor unbekannt,  
“Generalanzeiger”, 21. April 1888)

 

Es gab auch kritische Stimmen:

“Die Eröffnung der städtischen Wasserleitung

begrüßen auch wir heute mit ungemischter Freude. Wir benützen diese neue Wasserleitung, um daraus einen kalten aber ernüchternden Strahl auf den etwas hitzigen Kopf des “Mannheimer Anzeigers” zu lenken, welcher seinerseits diese Eröffnung benützte, um “das letzte große Werk der verlästerten freisinnig “demokratischen Stadtverwaltung” in seiner Art in den Himmel zu heben. Das Lob dürfte etwas verfrüht sein, denn die Vorbereitungen für das große Werk scheinen von eben jenem freisinnig-demokratischen Stadtrathe nicht mit der genügenden Umsicht und Vorsicht getroffen worden zu sein. Bevor wir daher in den Jubel des Anzeigers einstimmen, wollen wir die S c h l u ß a b r e c h n u n g abwarten.”

(“Generalanzeiger”, 22. April 1888)

 

Ein Lob auf die Wasserwerke, die “technische Commission”, den Bauleiter und die Mannheimer Bürger – in der Stadtratssitzung vom 21. April 1888:

“Eröffnung der städtischen Wasserleitung – aus der Sitzung vom 21. April

Vor Eintritt in die Tagesordnung nahm Herr Oberbürgermeister Moll Veranlassung, auf die heute Vormittag durch Vertreter der Staatsbehörden, durch den Stadtrat, den Stadtverordnetenvorstand, sowie die Mitglieder der Wasserleitungscommission stattgehabte Besichtigung des Wasserwerkes im Käferthaler Wald zurückzukommen. Der Herr Oberbürgermeister erklärt, es freue ihn, aussprechen zu können, daß das ganze Werk in so ausgezeichneter Weise dastehe und daß das für die Stadt Mannheim so wichtige Unternehmen auch den besten Erfolg verspreche.

Schon lange habe die Bürgerschaft sich auf den Augenblick gefreut, mit welchem das Wasserwerk in das Leben treten würde; mit Freuden könne er heute constatieren, daß dieser Zeitpunkt nunmehr gekommen. Er fühle sich verpflichtet, Namens des Stadtrathes alle denjenigen öffentlich den Dank und die Anerkennung auszusprechen, welche an dem Zustandekommen des großen Werkes betheiligt gewesen seien und mitgewirkt hätten; es gelte dies in erster Linie der Bauleitung bezw. dem bauleitenden Ingenieur Herrn S m r e k e r, sodann auch sämtlichen Commissionsmitgliedern, welche speziell mit Herstellung der Wasserleitung sich zu beschäftigen hatten; er ergreife ferne diese Gelegenheit, um namentlich Herrn Stadtrath B o p p als Vorsitzenden der technischen Commission für seine verdienstvolle, unermüdliche Wirksamkeit beim Zustandekommen der Wasserleitung den besonderen Dank des Kollegiums auszusprechen. –

Herr Stadtrath B o p p dankte dem Herrn Oberbürgermeister für die ihm bezw. der technischen Commission ausgesprochene Anerkennung. Er könne diesen Dank aber nur in dem Sinne annehmen, als damit der gute Wille, die gemeinsame Sache nach Kräften zu unterstützen, anerkannt werden solle. Der Hauptanteil an dem Danke für das Zustandekommen des Werkes gebühre umstreitig der tüchtigen Bauleitung und vor allem unserem bauleitenden Ingenieur Herrn Smreker. Dieser ist es gewesen, welcher, die Umgebung unserer Stadt nach wasserführenden Adern durchforschend, auf Grund seiner, auf der hydrologischen Wissenschaft beruhenden Forschungen, das richtige Gebiet für das Wasserwerk in dem Käferthaler Wald entdeckt habe. Die Wissenschaft sei die Führerin des Herrn Smreker gewesen und habe ihm auch zu diesem hocherfreulichen Ziele geführt. Zwischen dem Tage, an welchem der erste Bohrversuch im Käferthaler Wald gemacht wurde und heute, wo das Werk dem Betriebe übergeben werden konnte, liege eine lange Zeit, eine Zeit, welche einen großen Aufwand geistiger und körperlicher Arbeit gefordert habe. Wie bei einem solch‘ großen Werke nicht zu vermeiden, so seien auch während des Baues des Wasserwerkes häufig Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten erwachsen und oft sei der technischen Commission Gelegenheit geboten gewesen, hier vermittelnd einzutreten; hierfür dürfte sie wohl den ausgesprochenen Dank verdient haben.

Wenn von dem Danke die Rede sei, so glaube er solchen auch den Bürgern der Stadt aussprechen zu sollen, welche aus eigener Kraft das gewaltige Werk geschaffen hätten. Möge, schloß Herr Stadtrath Bopp, dieser gesunde Sinn, der die Herstellung eines so großen Werkes ermöglicht habe, den Bürgern Mannheims immerdar innewohnen, möge ihnen aber dabei neben dem Streben nach materiellen Gütern, auch der Sinne für das Wahre, Schöne und Gute erhalten bleiben, möge das Wasserwerk den Kindern und Kindeskindern zum Segen gereichen und solche sich stets dankbar an jene erinnern, welche das Werk geschaffen, möge endlich auch hier der an dem Wasserwerk einer großen Stadt Deutschlands angebrachte Spruch sich verwirklichen: „So lasset des Wassers Ströme fließen – In jeden Bürgers Haus“ – Das walte Gott!“”

(“Generalanzeiger”, 26. April 1888)

Historische Fotografie Mannheim Ludwigshafen

© Copyright Anita Hasel – Alle Fotografien sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung und Bearbeitung, bleiben vorbehalten.

Zugefrorener Rhein im Jahr 1929 mit Blick auf die Rheinbrücke (heute: Konrad-Adenauer-Brücke), Mannheim-Ludwigshafen

Am Rheinufer Ludwigshafen 1935, im Hintergrund die Rheinbrücke (heute: Konrad-Adenauer-Brücke)

4jähriges Mädchen am Rheinufer Ludwigshafen, im Jahre 1935

Kaiser Wilhelm Reiterdenkmal vor dem Mannheimer Schloss, ca. 1941

Kaiser Wilhelm Reiterdenkmal, vor dem Mannheimer Schloss, ca. 1941

Vor dem Mannheimer Schloss, neben dem Kaiser Wilhelm Reiterdenkmal, Blick auf die Quadrate, ca. 1941

Gefallenendenkmal BASF-Werkssiedlung, Ludwigshafen, ca. 1951

Ludwigshafen, Hemshofstraße, 30.06.1951

Ludwigshafen, Hemshofstraße, 1951

Ludwigshafen, Hemshofstraße, 1951

 


Kommentare:

17.06.2018
Lieber Herr Gauwitz,
vielen Dank für Ihre E-Mail und für die Infos zur damaligen Brückenbezeichnung, ich werde die Bilder entsprechend umbenennen.
Es freut mich immer, Rückmeldungen zu meinem Blog zu erhalten. Dafür schreibe ich, um Gedanken auszutauschen, die eigene Sicht der Dinge mit anderen Betrachtungsweisen zu vergleichen. Und vor allem möchte ich zum Nachdenken anregen – in punkto Zeitinvestition ein Luxus, den sich heutzutage leider nicht mehr viele gönnen.
Freundliche Grüße aus Ludwigshafen
Anita Hasel

16.06.2018
Guten Tag Frau Hasel!
Mit Wohlgefallen habe ich beim Stöbern nach historischen Bildern von Mannheim auch die ihrigen entdeckt.
Schmunzeln musste ich jedoch bei den Unterschriften von zwei Bildern, auf denen die ehemalige Rheinbrücke zwischen Mannheim und Ludwigshafen zu sehen ist.
Konrad Adenauer hatte zwar als amtierender deutscher Bundeskanzler schon ein beachtliches Alter erreicht, aber 1929 und 1935 war er doch noch zu jung und unbedeutend, als dass diese Rheinbrücke damals schon nach ihm benannt gewesen wäre.
Soweit ich das auf die Schnelle bei Wikipedia erfahren konnte, hieß die damalige Brücke einfach nur Rheinbrücke. Ein Brückenneubau von 1959 wurde dann 1967 zu Ehren Konrad Adenauers umbenannt.
Aber das Beste, ich habe ihre Seite gefunden, die interessant vom alltäglichen Internet abzuweichen scheint. Schau’n wir mal.
Friedel Gauwitz

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Ein Gruselkrimi

Die Qual der Ausweglosen

Mike schwitzte Cola. Die schwarze Flüssigkeit floss durch seine Kehle auf direktem Weg zu den Schweißdrüsen. Sogar hier, in der klimatisierten Raststätte. Es half nichts, er musste wieder hinaus. Erbarmungslose Hitze, er konnte sie buchstäblich sehen, sie hatte Gestalt angenommen, waberte zäh über der Motorhaube des Polizeiwagens, der auf ihn wartete.
xxxIm Fahrzeug saß Berger, der aussah, als würde er schlafen. Alle Fenster waren geschlossen, der Wagen stand in der prallen Sonne. War Berger denn verrückt geworden? Mike riss die Beifahrertür auf, heiße Luft entwich, verschlug ihm den Atem. Und der Sitz, der war die Hölle! Wie konnte sein Kollege bei dieser Hitze schlafen?! Doch Berger schlief nicht. Er war regungslos versunken in ein Buch. Das einzig Lebendige an ihm war der Schweiß, der von seinem Haar auf den Hemdkragen tropfte. Die Lektüre musste es in sich haben.
xxx„Was liest du da?“, fragte Mike.
xxxBerger gab es ihm, den Blick nach vorne gerichtet.
xxxDie Schädelstätte. Eine spitze Schrift, rot triefende Buchstaben, die auf Gebeine tropften. Der Einband war speckig, schwarzes Leder, auf dem der Titel sofort ins Auge sprang. Mike hielt den abgegriffenen Schmöker mit den Fingerspitzen in der Waagrechten, als könne er auslaufen.
xxx„Was ist denn das?“
xxxDas ist die Quelle.“

Mike las den Prolog:
xxx„Die Autobahn gehört nicht den Menschen allein. Manchmal können wir SIE sehen. Wenn es flirrt über der geteerten Masse. Das sind DIE WESEN. Heiße Luft lässt sie im Reich der Sterblichen sichtbar werden. Flüchtige Verzerrungen, die sich nicht bewegen. Noch nicht. Noch sind sie auf der Lauer, wie Spinnen in ihrem Netz, die in Erwartung neuer Beute verharren. Jederzeit bereit, loszuschnellen! Sie warten auf den Auslöser, auf die Bewegung fetter Beute, die doch ihren Hunger nicht stillt. In ihrem Elend sind sie Hungrige, die niemals satt werden.
xxxUnd da sind noch andere. Auch sie sind beherrscht von der Gier nach allem, was lebendig ist. Doch diese stillen ihren Hunger, und wenn sie satt sind, nähren sie sich von der Qual der Ausweglosen, ergötzen sich an ihrem Leid! Sie sind noch schlimmer, denn sie sind des Teufels!
xxxJetzt! Gemeinsam stürzen sie los! Der Sog der Geschwindigkeit auf der stark befahrenen Autobahn reißt sie mit wie Treibholz auf den Stromschnellen. Schreie kommen aus ihren nicht vorhandenen Mündern, werden lauter, wilder, dringen schließlich an das menschliche Ohr als heller Pfeifton, den Autoreifen beim Befahren von geriffelten Fahrbahnmarkierungen erzeugen. Johlend werden sie angezogen von dem großen Magnet ihrer Bestimmung. Die Anziehungskraft benebelt ihre Sinne, erweckt in ihnen den fast schon vergessenen Blutrausch ihres längst vergangenen, irdischen Daseins. Endlich am Ziel, endlich Befriedigung, endlich die Ausfahrt:
xxXGolgatha!“

„Golgatha“. Genau das hatte auf den sorgfältig gereinigten Schädeln gestanden, die man auf verschiedenen Rastplätzen gefunden hatte: „Golgatha“, und darunter jeweils ein Name, der Name des Opfers. Ein neuer Schädel wartete auf sie am anderen Ende der Stadt. Sie waren schon auf dem Weg dorthin gewesen, hatten nur einen kurzen Zwischenstopp eingelegt, um Mikes Koffeinspeicher wieder aufzufüllen. Aber irgendetwas hatte sich verändert, seit er vor ein paar Minuten das Fahrzeug verlassen hatte.
xxxMike wandte sich seinem Kollegen zu: „Woher nur hast du dieses Buch?“
xxxBerger fuhr los. Anstatt zu antworten, sagte er: „Ein Rentner hat dieses Mal den Schädel gefunden. Musste „austreten“, wie er es nannte. Mitten in der Nacht. Der Rastplatz war dunkel, jemand hatte die einzige Lichtquelle dort zerstört, trotzdem fand der Mann den Trampelpfad ins Gebüsch, es war ja Vollmond und die Nacht war klar.“ Berger setzte das stumme Blaulicht auf das Dach des Mercedes, ausgerechnet in einer scharfen Linkskurve.
xxxBerger berichtete weiter, und Mike sah sich in die Szene versetzt, die ihn an einen alten Horrorstreifen erinnerte. Zur Geisterstunde im dunklen Dickicht zu stürzen, sich den Kopf zu stoßen und das Bewusstsein zu verlieren, war schon schlimm genug. Aber aufzuwachen und in ein leeres schwarzes Augenhöhlenpaar zu blicken, das musste entsetzlich sein. Trotz der Hitze standen die Haare auf seinen Unterarmen kerzengerade in die Höhe. Das war nun schon die fünfte körperlose, frisch polierte Leiche. Die Abstände zwischen den Funden wurden immer kürzer. Er sah zu seinem Kollegen, der mit engelsgleicher Gelassenheit den Wagen durch den Feierabendverkehr manövrierte. Die Tachonadel stand auf 70.
xxx„Und wessen Name stand dieses Mal auf dem Schädel?“
xxx„Es ist ein Journalist im Ruhestand, der zurückgezogen lebt, niemand hat ihn bisher als vermisst gemeldet“, antwortete Berger.
xxxMike fasste sich an die Nasenspitze. Seine Gedanken rasten mindestens so schnell durch seinen Kopf wie die Gummireifen über den Asphalt. Mit unersättlichen Geistern hatte er es bis jetzt noch nicht zu tun gehabt. Er schlug das Buch noch mal auf, las noch mal die ersten Sätze. Bei einer langen Rechtskurve hatte er den Eindruck, ganz genau zu spüren, wie das, was einmal ein Schokoriegel gewesen war, an die linke Seite seiner Mageninnenwand gedrückt wurde. In ihrem Elend sind sie Hungrige, die niemals satt werden.“ Unersättliche. Wer war damit gemeint? Und wer waren die anderen? „…diese stillen ihren Hunger, und wenn sie satt sind, nähren sie sich von der Qual der Ausweglosen.“ Wer sollte das sein? Sadisten? Und wieso kam ihm dieser Schreibstil so bekannt vor? Mike ließ die Nase los.
xxx„Wie bist du an das Buch gekommen?“, fragte er erneut.
xxx„Gefunden.“ Berger sah ihn nicht an. Die Tachonadel kletterte stetig, sie fuhren nun auf der Autobahn.
xxx„Golgatha, Golgatha, wo hab ich das schon mal gehört?“ Mike dachte laut. „Kam da nicht mal Feuer und Schwefel vom Himmel? Im Alten Testament?“ Er kramte bis in die kleinsten Windungen seines Gehirns nach längst verschütteten Bibelkenntnissen.
xxx„Das war Gomorra, Sodom und Gomorra“, kam es von der Seite.
xxx„Richtig!“
xxx„Golgatha ist auch ein Begriff aus der Bibel“, erklärte Berger. „Übersetzt heißt er „Schädelstätte“ – der Titel des Buches. Zur Zeit Jesu war die Schädelstätte ein außerhalb der Stadtgrenze liegender Hinrichtungsort. Der zog die Schaulustigen magisch an, dort war immer was los, die waren damals nicht anders als wir heute. Auf Golgatha wurde Jesus gekreuzigt.“
xxxMike besah sich das Profil seines neuerdings bibelfesten Kollegen. Hm. Der Mörder hat das Buch entweder gelesen oder vielleicht sogar selbst geschrieben.
xxxWieder las er den Prolog.
xxx„Ich fasse grob zusammen: Die körperlosen Wesen sind böse, und es gibt zwei Sorten: Die einen töten, weil sie immer hungrig sind, die anderen sind satt und töten trotzdem.“ Er überlegte. „Letztendlich werden alle gleich bestraft, die Unersättlichen und die, die noch schlimmer sind. Was macht das für einen Sinn? Verstehst du das?“ Mike suchte wieder Bergers Blick, doch dieser starrte stur geradeaus, als er antwortete:
xxx„Wer sagt dir denn, dass die Geister in Golgatha bestraft werden? Hier geht es nicht um Bestrafung oder Vergeltung, es geht um Befriedigung. Befriedigung, die sie nur in Golgatha finden.“
xxxMike schwieg. Diese Seite kannte er noch nicht an Berger. Der Mann war praktisch veranlagt, schon fast ein zweiter MacGyver, der immer das richtige Werkzeug parat hatte. Berger war ein Mann, der Probleme sehen und anfassen musste, um sie zu lösen. Und das tat er für gewöhnlich ganz vorzüglich. Doch ein MacGyver deutet keine symbolische Metaphorik!
xxxDie Tachonadel stand auf 160. Berger fuhr viel zu dicht auf, ließ den Autos kaum Zeit, dem Blaulicht hinter ihnen Platz zu machen. Weiter so, und diese geteerte Masse würde sie schneller in die Verdammnis führen, als ihnen lieb war.
xxx„Warum alte Menschen? Warum tötet er immer wieder alte, einsame Menschen?“
xxx„Immer noch besser als junge zu töten“, war die Antwort Bergers, ein lapidarer Satz, aber in der Stimme schwang etwas anderes mit. Etwas, das klang wie: „Die sterben doch sowieso bald.“
xxx„Meinst du, es gibt noch mehr Schädel auf Autobahnrastplätzen, die nur noch nicht gefunden wurden?“
xxxBerger antwortete nicht. Der immer dichter werdende Verkehr hatte seine ganze Aufmerksamkeit. Mit beiden Händen umklammerte er das Lenkrad, als wollte er es an sich reißen. Von engelsgleicher Gelassenheit keine Spur mehr.
xxx„Fahr doch nicht so schnell“, flehte Mike im Stillen.
xxx„Dem Mörder geht es nicht nur um‘s Töten, er will auf sich aufmerksam machen“, mischte sich Berger in Mikes heimliches Flehen.
xxx„Das ist ihm mit Sicherheit gelungen“, Mike seufzte schwer. 170 km/h und ohne Zweifel fuhren sie direkt auf ein Stauende zu. Berger schien das nicht zu beeindrucken. Als teile sich das Kraftfahrzeugmeer vor ihnen genau in dem Moment, in dem sie es erreichten, gab er weiter Gas. Die Warnblinkleuchten vor ihnen schienen immer schneller zu blinken, je näher sie kamen.
xxxMike konnte sich nicht mehr beherrschen. „Berger!“
xxxDer Wagen bremste und kam knapp hinter dem Vordermann zum Stehen.
xxxMike löste die Schraubzwinge um das verwunschene Buch in seinen Händen.
xxx„Verdammt noch mal!“ Berger schlug auf das Lenkrad.
xxx„Der Schädel wird schon nicht vermodern, bis wir dort sind. Es ist ja nicht mehr weit“, sagte Mike.
xxxBerger blickte immer noch nach vorne, obwohl sich vor ihm absolut nichts mehr bewegte. Der Standstreifen war einer Baustelle zum Opfer gefallen. Die Autos standen eng und versetzt, da gab es kein Durchkommen.
xxx„Warum töten, um auf sich aufmerksam zu machen?“ Mike war es gewohnt, Antworten auf seine Fragen zu bekommen.
xxx„Was?“
xxx„Der Mörder, warum tötet er? Ich versteh‘ es immer noch nicht.“ Im Grunde hatte er noch nie verstanden, warum Menschen töten.
xxx„Das liegt in der Natur des Menschen.“
xxxMike betrachtete seinen Kollegen von der Seite, als hätte er ihn noch nie richtig angesehen. Ein Teil von Berger, seine unbekümmerte Art und sein Humor, schienen auf der Fahrt hierher verloren gegangen zu sein. Der Mann neben ihm mit dem aggressiven Unterton in der Stimme war ein Fremder. Ein Fremder, der ihn nicht ansah.
xxx„Wie meinst du das?“
xxx„Alle Menschen sind böse. Lies nur mal das Buch, dann verstehst du es.“
xxxBerger las Bücher? Auch etwas Neues. Mike las leidenschaftlich gern, fantastische Geschichten vom Abenteuer Leben. Aber ein Buch wie dieses, das alle Menschen über einen finsteren Kamm schert, würde er sich bestimmt nicht antun. Allein schon der Prolog bereitete ihm Kopfschmerzen. Fast schon zum Trotz schlug er es wieder auf.
xxx„Wenn du das gelesen hast, dann weißt du also, wie er denkt. Nährt er sich von der Qual der Ausweglosen, ergötzt er sich an ihrem Leid?“, fragte Mike schließlich.
xxx„Vielleicht haben seine Opfer gar nicht gelitten, und er hat sie nur erlöst.“ Wieder eine sachliche Aussage. War es das, was Mike an ihm störte? Seine kühle Sachlichkeit?
xxx„Noch sind sie auf der Lauer, wie Spinnen in ihrem Netz, die in Erwartung neuer Beute verharren. Jederzeit bereit, loszuschnellen! Sie warten auf den Auslöser, auf die Bewegung fetter Beute, die doch ihren Hunger nicht stillt. In ihrem Elend sind sie Hungrige, die niemals satt werden“, las Mike laut und nun schon zum x-ten Mal. Dann sah er auf. „Der Mörder ist eine Spinne. Eine Spinne, die niemals satt wird. Oder aber er jagt die unersättlichen Spinnen und beendet ihr Elend, indem er sie tötet. Aber warum stellt er ihre Schädel zur Schau? Warum auf Autobahnrastplätzen? Was ist sein Motiv?“
xxxFür einen kurzen Moment sah Berger ihn an. „Er kann gar nicht anders, es ist seine Bestimmung. Er ist dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit. Nur in Golgatha findet er Erlösung.“
xxxWar das schwarze Muttermal in Bergers linkem Augenwinkel immer schon da gewesen? Mike starrte es an, als sähe er es zum ersten Mal. Sein ausgezeichnetes Gedächtnis für Details in Gesichtern schien bei seinem Kollegen gänzlich versagt zu haben. Mikes verhaltenes Kopfschütteln galt mehr sich selbst, als er erwiderte: „Sag mal, wie oft hast du das Buch gelesen?“ Er tippte sich an die Stirn. „Von so was bekommt man doch Sand ins Getriebe, ohne es zu merken.“xxx

Das Blaulicht rotierte stumm protestierend über ihnen, Mike konnte es im Rückspiegel des Vordermanns sehen. Nur ganz langsam kam Bewegung in die vorderen Reihen, die Autos scherten aus, so gut es ihnen möglich war, um dem Polizeiwagen hinter ihnen Platz zu machen. Doch der Wagen vor ihnen mit dem rotierenden Licht im Rückspiegel blieb stur auf seiner Spur. Berger fuhr an, bremste, fuhr wieder an, bremste wieder und rückte immer näher auf, bis nur eine Handbreit die beiden Fahrzeuge voneinander trennte.
xxx„Was ist denn mit dem los?!“, rief Berger. Er hupte entnervt.
xxxEin aus dem Fahrerfenster in die Höhe gestreckter Mittelfinger war die Antwort.
xxx„Den nehm ich mir vor, Mike!“
xxxDie Autos, die an ihnen vorbeigezogen waren, füllten wieder die Lücken. Jetzt erst, als absolut nichts mehr voranging, konnte Mike erkennen, warum der Wagen vor ihnen sich nicht rührte.
xxx„Der Fahrer macht Fotos! Mensch Berger, sieh dir das an!“ Mike zeigte auf das Ausfahrtsschild direkt neben ihnen.
xxxUnter dem blauen Schild mit der Aufschrift „AUSFAHRT“ hing ein weiteres, auf dem in großen Buchstaben GOLGATHA geschrieben stand.
xxxBerger erfasste die Szene mit einem Blick. Wie der Blitz war er aus dem Wagen, hechtete zu dem Fahrzeug vor ihnen, riss die Autotür auf. Als Mike den Wagen verließ, schrammte die Kamera des Gaffers schon über die Fahrbahn. Der Fotograf schrie etwas, dann verstummte er. Sein Kopf kippte weg. Mike sah das Messer in Bergers Hand, Blut tropfte auf den heißen Asphalt und gerann in Sekundenschnelle.
xxx„Was in aller Welt tust du da?!“ Die letzte Silbe hatte seine Kehle noch nicht verlassen, da erkannte Mike ganz deutlich, dass der Mann mit dem Messer in der Hand nicht Berger war. Er hätte auf seine innere Stimme hören sollen. Dieser Mann sah Berger sehr ähnlich, doch das Muttermal im Augenwinkel, der schiefe Mund und die Scharte an der Braue! Nein, das war nicht sein Kollege. Deshalb hatte er es auch vermieden, ihn anzusehen! Das war ein Fremder!
xxxDer Fremde kam ihm ein Stück entgegen, blieb stehen. Das Klacken von Autoverriegelungen mischte sich in das Geschrei von Frauen und Kindern, das gedämpft und doch deutlich hörbar durch schnell geschlossene Fensterscheiben zu ihnen drang. Ein Motorradfahrer am Rande des Geschehens streckte seinen Arm aus, deutete auf einen Baum hinter dem Ausfahrtsschild. Mike nahm es nur am Rande wahr.
xxx„Die haben es nicht anders verdient! Da sind sie! Gnadenlose, gierige Gaffer! Schau sie dir an, präg dir ein, wie sie aussehen. Die sehen alle gleich aus! Ich erkenne sie sogar schon von hinten, wenn sie in einem Auto sitzen. Die schick ich alle in die Hölle!“, brüllte der Fremde, die Messerspitze auf unsichtbare Gegner gerichtet, die ihre engen Kreise um ihn zogen.
xxxDer Mann war wahnsinnig, ein gefährlicher Irrer. Jetzt nur ruhig bleiben, dir nicht anmerken lassen, dass du ihn nicht kennst, dachte Mike, als er sagte: „Berger sei vernünftig. Du machst den Leuten Angst. Sie haben dir nichts getan.“
xxx„Nichts getan?!“ Der Fremde schleuderte ihm diese zwei Worte mit voller Wucht entgegen, zeigte dabei auf den Baum hinter dem Schild mit der Aufschrift „Ausfahrt Golgatha“.
xxxJetzt erst sah Mike ihn. Was unter dem Baum stand, war keine Vogelscheuche, wie er zuerst beim Blick durch das verschmutzte Autofenster vermutet hatte, es war ein Mensch, der an einen Pfahl gebunden war. Seine weit aufgerissenen Augen ließen schon aus dieser Entfernung keinen Zweifel daran bestehen, dass er tot war.
xxx„Sie haben ihn getötet! Das haben sie getan! Schau ihn dir an!“, rief der Irre.
xxxMike hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, sich das näher anzuschauen. Selbst die Leitplanke schaffte es nicht, seinen massigen Körper aufzuhalten. Der Verdacht brannte in seiner Brust wie Feuer, das Herz schlug ihm bis zum Hals. Als er vor der Leiche stand, packte ihn die Panik fest im Nacken. Er erstarrte. Die Augen des Toten waren die Augen seines Kollegen Berger. Sie blickten haarscharf an ihm vorbei, als könnten sie sehen, was nun Entsetzliches hinter seinem Rücken geschah. Schon hörte er das schwere Keuchen hinter sich, das lauter wurde, näher kam. Warum konnte er sich nicht umdrehen?
xxxEin warmer Hauch, viel zu dicht an seinem Hals. „Aus Golgatha gibt es kein Entkommen“, flüsterte es an seinem Ohr. Die Sonne stand hoch und zeichnete dunkle Schatten vor Mikes Füße. Er sah nach oben. Doch da war nichts zu sehen außer flirrend heiße Luft. Eine Fata Morgana, die einen Schatten warf?
xxx„Die Erlösung ist nahe“, war das letzte, das er hörte.

xxxDas erste, was er sah, waren weit aufgerissene Augen, die auf ihn herunter starrten. Sie gehörten einem Toten, den man an einen Pfahl gebunden hatte. Sein Mund war schief, im linken Augenwinkel lag ein schwarzes Muttermal, und die Scharte über der rechten Braue war besonders auffällig.
xxxMikes Kopf schmerzte. Er schmeckte Blut. Zittrig fingerte er sein Handy aus der Brusttasche, wählte das Revier, und hielt wieder den Blick wie gebannt auf die Leiche vor ihm gerichtet. „Berger, ich bin’s, Mike. Ich weiß nicht, wo ich hier bin. Auf irgendeinem Autobahnrastplatz. Hier ist niemand. Außer einer Leiche, sieht ziemlich gruselig aus. ….. Ein Mann, mittleres Alter…..“
xxxErst jetzt nahm er sie wahr. Sie standen um ihn herum, belauerten ihn, mit Gier in den Augen. Jederzeit bereit, ihre Handys zu zücken, den Auslöser zu drücken, ein Foto zu schießen, ein Video aufzunehmen.
xxxSie taten es und stillten damit ihren Hunger. Und als sie satt waren, stellten sie alles ins weltweite Netz, um sich mit anderen an dem Leid zu ergötzen, an der Qual der Ausweglosen.

© Anita Hasel, 2016

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Neujahrsgebäck

Nimm 365 Tage (am besten die, die noch vor dir liegen), siebe Vorahnungen und Vorhersagen heraus (Restmüll) und gebe alles in eine unvoreingenommene Schüssel.

In die goldene Mitte drücke ganz sacht eine Geduldsmulde.

Zerbrösle feste Gewohnheiten und Widerwillen, mische die Brösel mit einer großen Portion Frohsinn (falls nicht vorhanden, hilft es auch, ein Liedchen zu pfeifen oder zu lächeln) und gebe alles in die goldene Mitte.

Zerlasse Starrsinn in einer Pfanne, bis er sich vollständig aufgelöst hat, füge Fantasie mit Leichtigkeit dazu, ebenso Hoffnung, Zuversicht und Mut, und gieße diese Mischung in die Mulde.

Rühre nun zuerst mit Feingefühl, dann mische alles mit der ganzen Kraft deiner Hände, fülle es in eine Herzform und backe es mit feurigem Eifer.

Wenn es nach froher Erwartung riecht, ist der Kuchen fertig.

Bestäube ihn noch mit Humor, so schmeckt er am besten.

Guten Appetit!

 

Anita Hasel © 2016