Archiv des Autors: hasanni

Historische Fotografie Mannheim Ludwigshafen

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Zugefrorener Rhein im Jahr 1929 mit Blick auf die Rheinbrücke (heute: Konrad-Adenauer-Brücke), Mannheim-Ludwigshafen

Am Rheinufer Ludwigshafen 1935, im Hintergrund die Rheinbrücke (heute: Konrad-Adenauer-Brücke)

4jähriges Mädchen am Rheinufer Ludwigshafen, im Jahre 1935

Kaiser Wilhelm Reiterdenkmal vor dem Mannheimer Schloss, ca. 1941

Kaiser Wilhelm Reiterdenkmal, vor dem Mannheimer Schloss, ca. 1941

Vor dem Mannheimer Schloss, neben dem Kaiser Wilhelm Reiterdenkmal, Blick auf die Quadrate, ca. 1941

Gefallenendenkmal BASF-Werkssiedlung, Ludwigshafen, ca. 1951

Ludwigshafen, Hemshofstraße, 30.06.1951

Ludwigshafen, Hemshofstraße, 1951

Ludwigshafen, Hemshofstraße, 1951

 


Kommentare:

17.06.2018
Lieber Herr Gauwitz,
vielen Dank für Ihre E-Mail und für die Infos zur damaligen Brückenbezeichnung, ich werde die Bilder entsprechend umbenennen.
Es freut mich immer, Rückmeldungen zu meinem Blog zu erhalten. Dafür schreibe ich, um Gedanken auszutauschen, die eigene Sicht der Dinge mit anderen Betrachtungsweisen zu vergleichen. Und vor allem möchte ich zum Nachdenken anregen – in punkto Zeitinvestition ein Luxus, den sich heutzutage leider nicht mehr viele gönnen.
Freundliche Grüße aus Ludwigshafen
Anita Hasel

16.06.2018
Guten Tag Frau Hasel!
Mit Wohlgefallen habe ich beim Stöbern nach historischen Bildern von Mannheim auch die ihrigen entdeckt.
Schmunzeln musste ich jedoch bei den Unterschriften von zwei Bildern, auf denen die ehemalige Rheinbrücke zwischen Mannheim und Ludwigshafen zu sehen ist.
Konrad Adenauer hatte zwar als amtierender deutscher Bundeskanzler schon ein beachtliches Alter erreicht, aber 1929 und 1935 war er doch noch zu jung und unbedeutend, als dass diese Rheinbrücke damals schon nach ihm benannt gewesen wäre.
Soweit ich das auf die Schnelle bei Wikipedia erfahren konnte, hieß die damalige Brücke einfach nur Rheinbrücke. Ein Brückenneubau von 1959 wurde dann 1967 zu Ehren Konrad Adenauers umbenannt.
Aber das Beste, ich habe ihre Seite gefunden, die interessant vom alltäglichen Internet abzuweichen scheint. Schau’n wir mal.
Friedel Gauwitz

Verbrecherjagd im Altersheim

Im Altenheim, da ist was los,
denn Herrmann ist kein Trauerkloß!
Wenn etwas mal verschwunden ist,
sitzt er nicht da und trauert trist.

Im Gegenteil, er fängt gleich an,
zu suchen, wo er suchen kann.
Auf einmal kommt’s ihm in den Sinn:
Er ruft: „Die ware widder hinn!“

Des Herrmanns Tochter sich sehr freut:
Das Telefon bei ihr grad’ läut’!
Die Freude währt jedoch nicht lang,
sie hört ein Wispern, ihr wird bang.

„Helga horsch!“, raunt leis’ die Stimme,
und sie ahnt auch gleich das Schlimme.
„Du glaabscht es net, die hawwe mir,
geklaut schon wieder`s Klopapier!“

Die Wangen werden ihr schon bleich.
„Such’ gar net long’. Ich komme gleich!“
Sie sagt’s und steigt mit weiche Knie
hinein in den „Mit-Schuh-bischt-hie“.

Dann fährt sie los, so wie im Traum,
und achtet auf die Schilder kaum.
„Wenn ich des find, und’s Portemonnaie,
oh warte nur, des werd dann schä!“

Schon läuft sie hin, durch Vaters Tür.
Doch wie steht er nun da vor ihr?
Das Haar zersaust, im Hemd ein Riss
und gar im Mund fehlt das Gebiss!

„Jetzt kumm du ämol roi ins Zimmer.
Uff dieses Klo do geh’ isch nimmer!
Die hawwe mir, gar net schäniert,
sogar des gonze Klo verschmiert.“

Die Tochter sieht es mit Entsetzen:
„Jetzt muss ich mich erst einmal setzen.
Wie sieht es denn hier wieder aus?
Rück’ jetzt mal mit der Sprache raus.

Du hattest doch die Zähne wo,
und wenn ich suchen muss im Klo.
So wahr ich Helga Müller heiße:
Ich hol’s Gebiss dir aus der Scheiße!“

Die Helga Müller ist famos,
find`s Portemonnaie in einer Hos’,
die unten lag im Kleiderschrank.
Der Vater wird vom Zuseh’n krank.

Er schaut sie an und ihm wird klar,
der Dieb ja doch ein Trugbild war.
Er sagt: „Des onnere findscht du nimmer.“
Schon geht ihr Blick durch’s ganze Zimmer.

„Du sagst zu mir, ich find es nie?
Wenn doch, dann gehst du auf die Knie!“
Der Vater verspricht’s hoch und heilig,
die Tochter hat es nun sehr eilig,

sieht unter Stühle, unter Bänke,
und hinter alle kleinen Schränke.
Dann schaut sie unter alle Kissen.
Der Vater kriegt ein schlecht’ Gewissen.

Zu guter Letzt, im Brötchenkasten,
kann sie `was Flauschiges ertasten.
„Des Klopapier, isch glaab’, isch spinn’!“,
ruft sie und hält’s dem Vater hin.

Der Vater sieht’s und ist ganz froh,
jetzt kann er wieder auf das Klo.
Und gleich verschwindet er hinein.
Das „Auf die Knie geh’n“ lässt er sein.

Da drin er in den Spiegel schaut,
sein Anblick ihn ja schier umhaut:
„Die Zähne hätt’ ich fast vergessen,
ich muss heut’ Mittag doch zum Essen!“

Derweil die Tochter nicht verzagt,
hat auch den Blick ins Bett gewagt.
Ein Griff, ein Schrei, und in der Hand
hält sie die Zähne, die sie fand.

Der Vater ist nun ganz entzückt,
mit „vollem“ Mund er glücklich blickt.
Die Diebe sind nun ganz vergessen,
mit Freude denkt er nun an’s Essen.

Und sagt, mit einem frohen Lachen:
„Man muss die Augen halt aufmachen!“
Die Tochter hört’s, ihr Mund ist auf,
ist sprachlos und sagt nichts mehr drauf.

So ist’s der Dank. Hat man’s gefunden,
ist tags darauf es bald verschwunden.
Der Herrmann ist kein Trauerkloß,
drum geht die Sucherei dann los.

Denn will der Herrmann etwas holen
und findet’s nicht, so ist’s gestohlen.
Darauf schon bald – wir wissen’s schon,
schellt bei der Tochter das Telefon.

So ist’s ein Kreislauf, dieses Leben:
Die einen nehmen, die anderen geben.
Nur glücklich ist, wer nicht vergisst,
dass Geben nie vergebens ist!

© Anita Hasel 1991

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Ein Gruselkrimi

Die Qual der Ausweglosen

Mike schwitzte Cola. Die schwarze Flüssigkeit floss durch seine Kehle auf direktem Weg zu den Schweißdrüsen. Sogar hier, in der klimatisierten Raststätte. Es half nichts, er musste wieder hinaus. Erbarmungslose Hitze, er konnte sie buchstäblich sehen, sie hatte Gestalt angenommen, waberte zäh über der Motorhaube des Polizeiwagens, der auf ihn wartete.
xxxIm Fahrzeug saß Berger, der aussah, als würde er schlafen. Alle Fenster waren geschlossen, der Wagen stand in der prallen Sonne. War Berger denn verrückt geworden? Mike riss die Beifahrertür auf, heiße Luft entwich, verschlug ihm den Atem. Und der Sitz, der war die Hölle! Wie konnte sein Kollege bei dieser Hitze schlafen?! Doch Berger schlief nicht. Er war regungslos versunken in ein Buch. Das einzig Lebendige an ihm war der Schweiß, der von seinem Haar auf den Hemdkragen tropfte. Die Lektüre musste es in sich haben.
xxx„Was liest du da?“, fragte Mike.
xxxBerger gab es ihm, den Blick nach vorne gerichtet.
xxxDie Schädelstätte. Eine spitze Schrift, rot triefende Buchstaben, die auf Gebeine tropften. Der Einband war speckig, schwarzes Leder, auf dem der Titel sofort ins Auge sprang. Mike hielt den abgegriffenen Schmöker mit den Fingerspitzen in der Waagrechten, als könne er auslaufen.
xxx„Was ist denn das?“
xxxDas ist die Quelle.“

Mike las den Prolog:
xxx„Die Autobahn gehört nicht den Menschen allein. Manchmal können wir SIE sehen. Wenn es flirrt über der geteerten Masse. Das sind DIE WESEN. Heiße Luft lässt sie im Reich der Sterblichen sichtbar werden. Flüchtige Verzerrungen, die sich nicht bewegen. Noch nicht. Noch sind sie auf der Lauer, wie Spinnen in ihrem Netz, die in Erwartung neuer Beute verharren. Jederzeit bereit, loszuschnellen! Sie warten auf den Auslöser, auf die Bewegung fetter Beute, die doch ihren Hunger nicht stillt. In ihrem Elend sind sie Hungrige, die niemals satt werden.
xxxUnd da sind noch andere. Auch sie sind beherrscht von der Gier nach allem, was lebendig ist. Doch diese stillen ihren Hunger, und wenn sie satt sind, nähren sie sich von der Qual der Ausweglosen, ergötzen sich an ihrem Leid! Sie sind noch schlimmer, denn sie sind des Teufels!
xxxJetzt! Gemeinsam stürzen sie los! Der Sog der Geschwindigkeit auf der stark befahrenen Autobahn reißt sie mit wie Treibholz auf den Stromschnellen. Schreie kommen aus ihren nicht vorhandenen Mündern, werden lauter, wilder, dringen schließlich an das menschliche Ohr als heller Pfeifton, den Autoreifen beim Befahren von geriffelten Fahrbahnmarkierungen erzeugen. Johlend werden sie angezogen von dem großen Magnet ihrer Bestimmung. Die Anziehungskraft benebelt ihre Sinne, erweckt in ihnen den fast schon vergessenen Blutrausch ihres längst vergangenen, irdischen Daseins. Endlich am Ziel, endlich Befriedigung, endlich die Ausfahrt:
xxXGolgatha!“

„Golgatha“. Genau das hatte auf den sorgfältig gereinigten Schädeln gestanden, die man auf verschiedenen Rastplätzen gefunden hatte: „Golgatha“, und darunter jeweils ein Name, der Name des Opfers. Ein neuer Schädel wartete auf sie am anderen Ende der Stadt. Sie waren schon auf dem Weg dorthin gewesen, hatten nur einen kurzen Zwischenstopp eingelegt, um Mikes Koffeinspeicher wieder aufzufüllen. Aber irgendetwas hatte sich verändert, seit er vor ein paar Minuten das Fahrzeug verlassen hatte.
xxxMike wandte sich seinem Kollegen zu: „Woher nur hast du dieses Buch?“
xxxBerger fuhr los. Anstatt zu antworten, sagte er: „Ein Rentner hat dieses Mal den Schädel gefunden. Musste „austreten“, wie er es nannte. Mitten in der Nacht. Der Rastplatz war dunkel, jemand hatte die einzige Lichtquelle dort zerstört, trotzdem fand der Mann den Trampelpfad ins Gebüsch, es war ja Vollmond und die Nacht war klar.“ Berger setzte das stumme Blaulicht auf das Dach des Mercedes, ausgerechnet in einer scharfen Linkskurve.
xxxBerger berichtete weiter, und Mike sah sich in die Szene versetzt, die ihn an einen alten Horrorstreifen erinnerte. Zur Geisterstunde im dunklen Dickicht zu stürzen, sich den Kopf zu stoßen und das Bewusstsein zu verlieren, war schon schlimm genug. Aber aufzuwachen und in ein leeres schwarzes Augenhöhlenpaar zu blicken, das musste entsetzlich sein. Trotz der Hitze standen die Haare auf seinen Unterarmen kerzengerade in die Höhe. Das war nun schon die fünfte körperlose, frisch polierte Leiche. Die Abstände zwischen den Funden wurden immer kürzer. Er sah zu seinem Kollegen, der mit engelsgleicher Gelassenheit den Wagen durch den Feierabendverkehr manövrierte. Die Tachonadel stand auf 70.
xxx„Und wessen Name stand dieses Mal auf dem Schädel?“
xxx„Es ist ein Journalist im Ruhestand, der zurückgezogen lebt, niemand hat ihn bisher als vermisst gemeldet“, antwortete Berger.
xxxMike fasste sich an die Nasenspitze. Seine Gedanken rasten mindestens so schnell durch seinen Kopf wie die Gummireifen über den Asphalt. Mit unersättlichen Geistern hatte er es bis jetzt noch nicht zu tun gehabt. Er schlug das Buch noch mal auf, las noch mal die ersten Sätze. Bei einer langen Rechtskurve hatte er den Eindruck, ganz genau zu spüren, wie das, was einmal ein Schokoriegel gewesen war, an die linke Seite seiner Mageninnenwand gedrückt wurde. In ihrem Elend sind sie Hungrige, die niemals satt werden.“ Unersättliche. Wer war damit gemeint? Und wer waren die anderen? „…diese stillen ihren Hunger, und wenn sie satt sind, nähren sie sich von der Qual der Ausweglosen.“ Wer sollte das sein? Sadisten? Und wieso kam ihm dieser Schreibstil so bekannt vor? Mike ließ die Nase los.
xxx„Wie bist du an das Buch gekommen?“, fragte er erneut.
xxx„Gefunden.“ Berger sah ihn nicht an. Die Tachonadel kletterte stetig, sie fuhren nun auf der Autobahn.
xxx„Golgatha, Golgatha, wo hab ich das schon mal gehört?“ Mike dachte laut. „Kam da nicht mal Feuer und Schwefel vom Himmel? Im Alten Testament?“ Er kramte bis in die kleinsten Windungen seines Gehirns nach längst verschütteten Bibelkenntnissen.
xxx„Das war Gomorra, Sodom und Gomorra“, kam es von der Seite.
xxx„Richtig!“
xxx„Golgatha ist auch ein Begriff aus der Bibel“, erklärte Berger. „Übersetzt heißt er „Schädelstätte“ – der Titel des Buches. Zur Zeit Jesu war die Schädelstätte ein außerhalb der Stadtgrenze liegender Hinrichtungsort. Der zog die Schaulustigen magisch an, dort war immer was los, die waren damals nicht anders als wir heute. Auf Golgatha wurde Jesus gekreuzigt.“
xxxMike besah sich das Profil seines neuerdings bibelfesten Kollegen. Hm. Der Mörder hat das Buch entweder gelesen oder vielleicht sogar selbst geschrieben.
xxxWieder las er den Prolog.
xxx„Ich fasse grob zusammen: Die körperlosen Wesen sind böse, und es gibt zwei Sorten: Die einen töten, weil sie immer hungrig sind, die anderen sind satt und töten trotzdem.“ Er überlegte. „Letztendlich werden alle gleich bestraft, die Unersättlichen und die, die noch schlimmer sind. Was macht das für einen Sinn? Verstehst du das?“ Mike suchte wieder Bergers Blick, doch dieser starrte stur geradeaus, als er antwortete:
xxx„Wer sagt dir denn, dass die Geister in Golgatha bestraft werden? Hier geht es nicht um Bestrafung oder Vergeltung, es geht um Befriedigung. Befriedigung, die sie nur in Golgatha finden.“
xxxMike schwieg. Diese Seite kannte er noch nicht an Berger. Der Mann war praktisch veranlagt, schon fast ein zweiter MacGyver, der immer das richtige Werkzeug parat hatte. Berger war ein Mann, der Probleme sehen und anfassen musste, um sie zu lösen. Und das tat er für gewöhnlich ganz vorzüglich. Doch ein MacGyver deutet keine symbolische Metaphorik!
xxxDie Tachonadel stand auf 160. Berger fuhr viel zu dicht auf, ließ den Autos kaum Zeit, dem Blaulicht hinter ihnen Platz zu machen. Weiter so, und diese geteerte Masse würde sie schneller in die Verdammnis führen, als ihnen lieb war.
xxx„Warum alte Menschen? Warum tötet er immer wieder alte, einsame Menschen?“
xxx„Immer noch besser als junge zu töten“, war die Antwort Bergers, ein lapidarer Satz, aber in der Stimme schwang etwas anderes mit. Etwas, das klang wie: „Die sterben doch sowieso bald.“
xxx„Meinst du, es gibt noch mehr Schädel auf Autobahnrastplätzen, die nur noch nicht gefunden wurden?“
xxxBerger antwortete nicht. Der immer dichter werdende Verkehr hatte seine ganze Aufmerksamkeit. Mit beiden Händen umklammerte er das Lenkrad, als wollte er es an sich reißen. Von engelsgleicher Gelassenheit keine Spur mehr.
xxx„Fahr doch nicht so schnell“, flehte Mike im Stillen.
xxx„Dem Mörder geht es nicht nur um‘s Töten, er will auf sich aufmerksam machen“, mischte sich Berger in Mikes heimliches Flehen.
xxx„Das ist ihm mit Sicherheit gelungen“, Mike seufzte schwer. 170 km/h und ohne Zweifel fuhren sie direkt auf ein Stauende zu. Berger schien das nicht zu beeindrucken. Als teile sich das Kraftfahrzeugmeer vor ihnen genau in dem Moment, in dem sie es erreichten, gab er weiter Gas. Die Warnblinkleuchten vor ihnen schienen immer schneller zu blinken, je näher sie kamen.
xxxMike konnte sich nicht mehr beherrschen. „Berger!“
xxxDer Wagen bremste und kam knapp hinter dem Vordermann zum Stehen.
xxxMike löste die Schraubzwinge um das verwunschene Buch in seinen Händen.
xxx„Verdammt noch mal!“ Berger schlug auf das Lenkrad.
xxx„Der Schädel wird schon nicht vermodern, bis wir dort sind. Es ist ja nicht mehr weit“, sagte Mike.
xxxBerger blickte immer noch nach vorne, obwohl sich vor ihm absolut nichts mehr bewegte. Der Standstreifen war einer Baustelle zum Opfer gefallen. Die Autos standen eng und versetzt, da gab es kein Durchkommen.
xxx„Warum töten, um auf sich aufmerksam zu machen?“ Mike war es gewohnt, Antworten auf seine Fragen zu bekommen.
xxx„Was?“
xxx„Der Mörder, warum tötet er? Ich versteh‘ es immer noch nicht.“ Im Grunde hatte er noch nie verstanden, warum Menschen töten.
xxx„Das liegt in der Natur des Menschen.“
xxxMike betrachtete seinen Kollegen von der Seite, als hätte er ihn noch nie richtig angesehen. Ein Teil von Berger, seine unbekümmerte Art und sein Humor, schienen auf der Fahrt hierher verloren gegangen zu sein. Der Mann neben ihm mit dem aggressiven Unterton in der Stimme war ein Fremder. Ein Fremder, der ihn nicht ansah.
xxx„Wie meinst du das?“
xxx„Alle Menschen sind böse. Lies nur mal das Buch, dann verstehst du es.“
xxxBerger las Bücher? Auch etwas Neues. Mike las leidenschaftlich gern, fantastische Geschichten vom Abenteuer Leben. Aber ein Buch wie dieses, das alle Menschen über einen finsteren Kamm schert, würde er sich bestimmt nicht antun. Allein schon der Prolog bereitete ihm Kopfschmerzen. Fast schon zum Trotz schlug er es wieder auf.
xxx„Wenn du das gelesen hast, dann weißt du also, wie er denkt. Nährt er sich von der Qual der Ausweglosen, ergötzt er sich an ihrem Leid?“, fragte Mike schließlich.
xxx„Vielleicht haben seine Opfer gar nicht gelitten, und er hat sie nur erlöst.“ Wieder eine sachliche Aussage. War es das, was Mike an ihm störte? Seine kühle Sachlichkeit?
xxx„Noch sind sie auf der Lauer, wie Spinnen in ihrem Netz, die in Erwartung neuer Beute verharren. Jederzeit bereit, loszuschnellen! Sie warten auf den Auslöser, auf die Bewegung fetter Beute, die doch ihren Hunger nicht stillt. In ihrem Elend sind sie Hungrige, die niemals satt werden“, las Mike laut und nun schon zum x-ten Mal. Dann sah er auf. „Der Mörder ist eine Spinne. Eine Spinne, die niemals satt wird. Oder aber er jagt die unersättlichen Spinnen und beendet ihr Elend, indem er sie tötet. Aber warum stellt er ihre Schädel zur Schau? Warum auf Autobahnrastplätzen? Was ist sein Motiv?“
xxxFür einen kurzen Moment sah Berger ihn an. „Er kann gar nicht anders, es ist seine Bestimmung. Er ist dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit. Nur in Golgatha findet er Erlösung.“
xxxWar das schwarze Muttermal in Bergers linkem Augenwinkel immer schon da gewesen? Mike starrte es an, als sähe er es zum ersten Mal. Sein ausgezeichnetes Gedächtnis für Details in Gesichtern schien bei seinem Kollegen gänzlich versagt zu haben. Mikes verhaltenes Kopfschütteln galt mehr sich selbst, als er erwiderte: „Sag mal, wie oft hast du das Buch gelesen?“ Er tippte sich an die Stirn. „Von so was bekommt man doch Sand ins Getriebe, ohne es zu merken.“xxx

Das Blaulicht rotierte stumm protestierend über ihnen, Mike konnte es im Rückspiegel des Vordermanns sehen. Nur ganz langsam kam Bewegung in die vorderen Reihen, die Autos scherten aus, so gut es ihnen möglich war, um dem Polizeiwagen hinter ihnen Platz zu machen. Doch der Wagen vor ihnen mit dem rotierenden Licht im Rückspiegel blieb stur auf seiner Spur. Berger fuhr an, bremste, fuhr wieder an, bremste wieder und rückte immer näher auf, bis nur eine Handbreit die beiden Fahrzeuge voneinander trennte.
xxx„Was ist denn mit dem los?!“, rief Berger. Er hupte entnervt.
xxxEin aus dem Fahrerfenster in die Höhe gestreckter Mittelfinger war die Antwort.
xxx„Den nehm ich mir vor, Mike!“
xxxDie Autos, die an ihnen vorbeigezogen waren, füllten wieder die Lücken. Jetzt erst, als absolut nichts mehr voranging, konnte Mike erkennen, warum der Wagen vor ihnen sich nicht rührte.
xxx„Der Fahrer macht Fotos! Mensch Berger, sieh dir das an!“ Mike zeigte auf das Ausfahrtsschild direkt neben ihnen.
xxxUnter dem blauen Schild mit der Aufschrift „AUSFAHRT“ hing ein weiteres, auf dem in großen Buchstaben GOLGATHA geschrieben stand.
xxxBerger erfasste die Szene mit einem Blick. Wie der Blitz war er aus dem Wagen, hechtete zu dem Fahrzeug vor ihnen, riss die Autotür auf. Als Mike den Wagen verließ, schrammte die Kamera des Gaffers schon über die Fahrbahn. Der Fotograf schrie etwas, dann verstummte er. Sein Kopf kippte weg. Mike sah das Messer in Bergers Hand, Blut tropfte auf den heißen Asphalt und gerann in Sekundenschnelle.
xxx„Was in aller Welt tust du da?!“ Die letzte Silbe hatte seine Kehle noch nicht verlassen, da erkannte Mike ganz deutlich, dass der Mann mit dem Messer in der Hand nicht Berger war. Er hätte auf seine innere Stimme hören sollen. Dieser Mann sah Berger sehr ähnlich, doch das Muttermal im Augenwinkel, der schiefe Mund und die Scharte an der Braue! Nein, das war nicht sein Kollege. Deshalb hatte er es auch vermieden, ihn anzusehen! Das war ein Fremder!
xxxDer Fremde kam ihm ein Stück entgegen, blieb stehen. Das Klacken von Autoverriegelungen mischte sich in das Geschrei von Frauen und Kindern, das gedämpft und doch deutlich hörbar durch schnell geschlossene Fensterscheiben zu ihnen drang. Ein Motorradfahrer am Rande des Geschehens streckte seinen Arm aus, deutete auf einen Baum hinter dem Ausfahrtsschild. Mike nahm es nur am Rande wahr.
xxx„Die haben es nicht anders verdient! Da sind sie! Gnadenlose, gierige Gaffer! Schau sie dir an, präg dir ein, wie sie aussehen. Die sehen alle gleich aus! Ich erkenne sie sogar schon von hinten, wenn sie in einem Auto sitzen. Die schick ich alle in die Hölle!“, brüllte der Fremde, die Messerspitze auf unsichtbare Gegner gerichtet, die ihre engen Kreise um ihn zogen.
xxxDer Mann war wahnsinnig, ein gefährlicher Irrer. Jetzt nur ruhig bleiben, dir nicht anmerken lassen, dass du ihn nicht kennst, dachte Mike, als er sagte: „Berger sei vernünftig. Du machst den Leuten Angst. Sie haben dir nichts getan.“
xxx„Nichts getan?!“ Der Fremde schleuderte ihm diese zwei Worte mit voller Wucht entgegen, zeigte dabei auf den Baum hinter dem Schild mit der Aufschrift „Ausfahrt Golgatha“.
xxxJetzt erst sah Mike ihn. Was unter dem Baum stand, war keine Vogelscheuche, wie er zuerst beim Blick durch das verschmutzte Autofenster vermutet hatte, es war ein Mensch, der an einen Pfahl gebunden war. Seine weit aufgerissenen Augen ließen schon aus dieser Entfernung keinen Zweifel daran bestehen, dass er tot war.
xxx„Sie haben ihn getötet! Das haben sie getan! Schau ihn dir an!“, rief der Irre.
xxxMike hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, sich das näher anzuschauen. Selbst die Leitplanke schaffte es nicht, seinen massigen Körper aufzuhalten. Der Verdacht brannte in seiner Brust wie Feuer, das Herz schlug ihm bis zum Hals. Als er vor der Leiche stand, packte ihn die Panik fest im Nacken. Er erstarrte. Die Augen des Toten waren die Augen seines Kollegen Berger. Sie blickten haarscharf an ihm vorbei, als könnten sie sehen, was nun Entsetzliches hinter seinem Rücken geschah. Schon hörte er das schwere Keuchen hinter sich, das lauter wurde, näher kam. Warum konnte er sich nicht umdrehen?
xxxEin warmer Hauch, viel zu dicht an seinem Hals. „Aus Golgatha gibt es kein Entkommen“, flüsterte es an seinem Ohr. Die Sonne stand hoch und zeichnete dunkle Schatten vor Mikes Füße. Er sah nach oben. Doch da war nichts zu sehen außer flirrend heiße Luft. Eine Fata Morgana, die einen Schatten warf?
xxx„Die Erlösung ist nahe“, war das letzte, das er hörte.

xxxDas erste, was er sah, waren weit aufgerissene Augen, die auf ihn herunter starrten. Sie gehörten einem Toten, den man an einen Pfahl gebunden hatte. Sein Mund war schief, im linken Augenwinkel lag ein schwarzes Muttermal, und die Scharte über der rechten Braue war besonders auffällig.
xxxMikes Kopf schmerzte. Er schmeckte Blut. Zittrig fingerte er sein Handy aus der Brusttasche, wählte das Revier, und hielt wieder den Blick wie gebannt auf die Leiche vor ihm gerichtet. „Berger, ich bin’s, Mike. Ich weiß nicht, wo ich hier bin. Auf irgendeinem Autobahnrastplatz. Hier ist niemand. Außer einer Leiche, sieht ziemlich gruselig aus. ….. Ein Mann, mittleres Alter…..“
xxxErst jetzt nahm er sie wahr. Sie standen um ihn herum, belauerten ihn, mit Gier in den Augen. Jederzeit bereit, ihre Handys zu zücken, den Auslöser zu drücken, ein Foto zu schießen, ein Video aufzunehmen.
xxxSie taten es und stillten damit ihren Hunger. Und als sie satt waren, stellten sie alles ins weltweite Netz, um sich mit anderen an dem Leid zu ergötzen, an der Qual der Ausweglosen.

© Anita Hasel, 2016

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Neujahrsgebäck

Nimm 365 Tage (am besten die, die noch vor dir liegen), siebe Vorahnungen und Vorhersagen heraus (Restmüll) und gebe alles in eine unvoreingenommene Schüssel.

In die goldene Mitte drücke ganz sacht eine Geduldsmulde.

Zerbrösle feste Gewohnheiten und Widerwillen, mische die Brösel mit einer großen Portion Frohsinn (falls nicht vorhanden, hilft es auch, ein Liedchen zu pfeifen oder zu lächeln) und gebe alles in die goldene Mitte.

Zerlasse Starrsinn in einer Pfanne, bis er sich vollständig aufgelöst hat, füge Fantasie mit Leichtigkeit dazu, ebenso Hoffnung, Zuversicht und Mut, und gieße diese Mischung in die Mulde.

Rühre nun zuerst mit Feingefühl, dann mische alles mit der ganzen Kraft deiner Hände, fülle es in eine Herzform und backe es mit feurigem Eifer.

Wenn es nach froher Erwartung riecht, ist der Kuchen fertig.

Bestäube ihn noch mit Humor, so schmeckt er am besten.

Guten Appetit!

 

Anita Hasel © 2016

Ein Sommerabend auf der Terrasse

Die Hitze des Tages ist fort. Der Wind hat sich schon schlafen gelegt. Dachziegeln leuchten rot unter dem blassblauen Himmel. Blätter und Blüten warten, regungslos. In Nachbars Garten wird das Warten schon belohnt. Das gleichmäßige Klacken des Rasensprengers mischt sich in das anschwillende Rauschen der Autobahn. Ich stelle mir vor, ich höre einen wunderbaren Wasserfall, nicht weit entfernt. Doch Wasserfälle gibt es hier nur aus der Gießkanne.

Ein Flugzeug schluckt plötzlich alle Geräusche. Es scheint in Zeitlupe vorüber zu ziehen. Dann wird es leiser, menschliche Stimmen drängen sich vor, ein Bellen, meckernde Vogellaute, eine Gießkanne wird gefüllt, bis das Prasseln verstummt. Noch mehr freudige Erleichterung bei den Kübelpflanzen des Nachbarn! Ich stehe auf, will mich endlich um meine neidischen Gartenpflanzen kümmern. Schon duftet es nach kühlem, klarem Wasser auf heißer Erde. Begierig saugen Wurzeln, dankbar richtet das Grün sich auf. Sommer ist Lust und pure Freude am Leben.

2015 © Anita Hasel

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Rästelreime

Rätselhafte Dinge

Rätselreime © Anita Hasel

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Ding Nr. 8

Ganz schlaue Leute haben ihn.
Und wo die Wahrheit ist, liegt er am Grund.

Ganz süße Früchte haben ihn.
Und wo der Funken sprüht, schlug man ihn wund.

Ganz reiche Leute haben ihn.
Und wo das Wasser tropft, da wird er hohl.

Was ist das wohl?





Ding Nr. 7

An manchen Tagen braucht man viel
von diesem Ding, wenn man’s schon hat.
Denn ist das Leben mal kein Spiel,
so läuft nicht immer alles glatt.

In England ist es richtig in,
noch schwärzer als die tiefe Nacht.
Das Ding macht halt am meisten Sinn,
wenn man trotz allem damit lacht.





Ding Nr. 6

Das Ding, das jeder von uns kennt,
kann kühl sein, heiß, auch feucht und trocken.
Der Sportler schaut es an und rennt.
Die Kinder kann es spielend locken.

Ein Mann mit rundlichem Gesicht
besucht dich damit in der Nacht.
Im tiefen Schlaf siehst du es nicht:
Er hat dir etwas mitgebracht.

Aus fernen, meerumspülten Landen
nahm ich es mit in einem Hut.
Flüchtige Spuren, die sich fanden,
mit Lust auf puren Übermut.

Den Motor lässt es stille steh’n,
doch in dem Glas verrinnt die Zeit,
lässt manches Bauwerk schnell verweh’n
und alle Spurentraurigkeit.





Ding Nr. 5

Mal weiß, mal braun, mal knallig bunt,
gibt man es Störchen oder Äffchen,
geht’s in der Bauchtanztruppe rund
mit Peter Kraus bei einem Käffchen.

Die Hüte sind aus einem Guss,
wenn sie nicht in den Rotwein fallen.
Der Brasilianer winkt zum Gruß,
vom Berge lässt er ihn erschallen.

Mit diesen Würfeln spielt man nicht,
aus Rohren, die auf Feldern steh’n.
Bei Krankheit nimmt es dir die Sicht,
doch alle Babys riechen schön!





Ding Nr. 4
So vieles hatt‘ es schon verbrannt,
mit kleiner und mit großer Hand.
So vieles stand schon mal darauf,
bewegte weiteren Verlauf.
Mit vielen kannst du vieles sein –
dein Würfel rollt für dich allein,
denn so viel ernster wär‘ das Leben,
tät es dies Rätsel-Ding nicht geben!





Ding Nr. 3
Du kannst es dir nehmen, wenn du es nicht hast.
Wenn du es verschenkst, dann freut sich dein Gast.
Es drängt dich zum Handeln, zu hektischem Treiben,
oder es hilft dir, gelassen zu bleiben.
Das Ding ist auch Geld, du kannst es verlieren.
Reicht es zum Heizen nicht, dann musst du frieren.
Was kann es nur sein? Du kannst es nicht fassen –
du kannst nur die Zeiger der Uhr ziehen lassen.





Ding Nr. 2
So manches edle, weiße Pferd,
verleiht dem Ding erst richtig Wert!
Die Wangen lässt es rasch erbleichen,
von Füßen will es gar nicht weichen.
Ein Ratschlag ohne Zweck und Sinn –
bringt dich zum Rufen: So ein Ding!
Und kommen Freunde dich besuchen:
Die meisten wollen diesen Kuchen!





Ding Nr. 1
Wie musst du dich mit diesem Namen schinden!
Nein, damit kannst du keine Gretel finden.
Mit diesen Fingern kannst du noch so fasten,
sie passen nicht auf die Pianotasten.
Und dieses Wort, du musst es immer sagen!
Kannst du nicht die Entscheidung wagen?!
Sieh‘ ihn dir an, der mit dem Wolf sich dreht:
Er weiß, wie so ein Ding entsteht.




Kurzgeschichten

Alle Kurzgeschichten © Anita Hasel

Namen, Personen und Begebenheiten in meinen Kurzgeschichten sind ausnahmslos frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Schwebende Elefanten
Diese Kurzgeschichte erzählt von zwei Kindern. Das eine wuchs behütet auf, das andere war schon früh auf sich gestellt.

Unverschämtes Glück
Manchmal verpasst man aus Angst sein Glück.

Die geheimnisvolle Frau
Gefühle werden nicht dement.

Das Bügelmädchen
Eine superkurze Kurzgeschichte bestehend aus nur 30 Wörtern

 

 

Winter

Alle Gedichte © Anita Hasel


Mannheimer Mundart

Die Schlagloch-Säsong (Die Schlagloch-Saison)

Uff unsre Stroße is was los,
Ihr liewe Leit, isch sag Eisch bloß!
O Lympia, do werschde blass,
denn hier in Mannem uff de Gass
dut die Schlagloch-Säsong beginne,
doch leider konnscht do nix gewinne.
— weiterlesen —


Es ist noch Winter, doch die Hyazinthe im Glas vor dem Fenster weiß das nicht. Sie wächst und blüht und duftet – während sie hinaus schaut und den Winter beobachtet. Was ihr dabei wohl durch den Kopf geht?

Die Hyazinthe

Sie hat sich, als es keiner sah,
aus altem Zwiebellook geschält,
ein Kleid beim Winterschlussbazar
mit weißem Sternenglanz gewählt.

Gemacht aus samtig weichem Garn,
aus dem man Frühlingsträume spinnt,
zog sie das Kleid noch zaghaft an.
Doch nur wer wagt, der auch gewinnt.

Nun soll sie niemand überseh’n,
als schmucker Spross mit edlem Wuchs.
Bleibt sie vorm hellen Fenster steh’n,
entbietet jedem Baum den Gruß.

Da winken Kronen ihr geschwind,
ein Publikum für ihren Glanz,
wiegt seine Äste fest im Wind,
ein Schunkelheer beim Blättertanz.

So viel Beachtung füllt sie aus,
sie strengt sich noch mal richtig an
und legt den schönsten Duft nun auf,
dem niemand widerstehen kann.

Ein Hauch von Honig, süßem Wein.
Nun ist sie die Verführung pur,
für die Natur, die schaut herein
und scheint zu warten: Worauf nur?

Wer saugt den Nektar gierig leer?
Geduld ist nicht für sie gemacht.
Die Blütenkelche werden schwer,
sie senkt das Haupt schon für die Nacht.

Und träumt von dem, was sie erfuhr –
im Winter, der kein Frühling war:
Die Kraft, das Drängen der Natur
mit Glanz vom Winterschlussbazar.


Im Zauberland der Kerzen

Sieh‘ nur, wie die Watteflocken
fröhlich taumeln, tanzen, schweben.
Reines Weiß will erdwärts streben,
Frohsinn aus den Häusern locken.

Spür‘ nur, wie die Uhrenherzen
sanfter pochen, ticken, schlagen,
und sogar den Stillstand wagen,
jetzt: Im Zauberland der Kerzen.


Zeit zu Besuch

Der kurze Tag ist fast schon warm.
Die Sonne nimmt mich in den Arm.
Sie streichelt meine blasse Haut.
Der Wind ist still, der Reif getaut.

Die Spatzen stimmen überein
beim Stelldichein im Sonnenschein
ertönt der Glocken ferner Klang.
Die Zeit wird mir so herrlich lang.

So unverhofft, und das ist schön,
der Zeit beim Bleiben zuzuseh’n.
Schon sprießt und rankt in meinem Sinn
die Fantasie; ich halt sie hin

als Angebot in meiner Hand,
ganz ohne Sinn, ohne Verstand.
Du liebe Zeit, bleib doch bei mir
als wacher Traum im Jetzt und Hier!

Da frischt der Wind ein wenig auf.
Die Spatzen picken nun zu Hauf,
um satt zu sein in kalter Nacht –
an’s Futter hat mein Mann gedacht.


Weißer Tanz

Schwerelose tanzen in den Lüften
wirbeln hoch wie zarte Spreu

um zu sinken, sacht und leise
weicher Gruß auf langer Reise
taumelt hin zu warmen Düften

und bedeckt die müde Welt
die ins weiße Kissen fällt

das die eisgekühlten Wangen
wärmt mit hellem Hüttenschein

macht das Graue wieder rein
und das Raue wieder blank

so als hätt‘ es angefangen
unbescholten ganz von vorn‘

alles ist wie neugebor’n
wenn die Schwerelosen tanzen.


Lichtblicke

Nach oben schau ich: Ach wie grau!
Die feuchten Nebelschwaden schleichen
um alle Häuser, kalt und rau.
Kein Sonnenstrahl kann sie erreichen.

Der Himmel deckt die Erde zu,
als wollt‘ sie sich schon schlafen legen.
Dabei ist’s Mittag! Ach, wozu,
soll ich das kleine Pflänzlein hegen?

Ich hab’s gepflanzt doch viel zu spät,
die Sonne lässt es nicht mehr sprießen.
Kaum auf, schon dass sie untergeht,
und jetzt fängt es noch an zu gießen.

So sind Gedanken wie die Tage,
oft grau und schwer und ohne Licht.
Vergessen ist ganz ohne Frage
der Frühling, der ist außer Sicht.

Doch halt, was lass‘ ich mich verdrießen?
Die Ruhe kehrte wieder ein!
Lern‘ wieder, Tee und Wein genießen
und wieder gern Zuhaus‘ zu sein.

Denk‘ ich zurück, was gestern war,
was dieses Jahr für mich gebracht:
Mal hell und licht und sonnenklar,
und manchmal auch nur finst’re Nacht.

Es hilft, daran zurück zu denken,
was mir geschenkt war schön und gut.
Den Blick auf helle Tage lenken,
schenkt für die Zukunft neuen Mut.


Zeit der Kerzen

Der Sonne Kraft versinkt im Tal,
die Nebelschwaden schimmern fahl.
Des Tages Frist ist viel zu knapp,
so früh schon löst die Nacht ihn ab.

Die Zeit der Kerzen ist jetzt wieder,
wir lauschen wieder leisen Liedern
und halten Rückblick auf das Jahr,
fast schon vorbei, verflogen gar.

Des Sinnes Sinnen zum Verdruss,
gelangen wir dann zu dem Schluss:
Was uns geschenkt, was uns erfreut,
gehört uns doch nur kurze Zeit.

So grämen wir, in einem fort,
uns an dem glückbeschien’en Ort.
Die Freude stirbt vor lauter Pein,
zu fürchten: Was kann morgen sein?

Doch Morgen liegt in weiter Ferne,
so unerreichbar wie die Sterne.
Das Heute nur uns Glück beschert,
das Hier allein der Mühe wert.

Genieße jetzt die ruhige Zeit,
die Augen auf, das Herz mach weit.
Im Augenblick das Glück zu finden,
das heißt, dem Sog der Zeit entschwinden.

Bei Glühwein, Tee und Kerzenschein,
zu Zweit vereint – oder allein.
Lass die Gefühle dich dann führen,
nur in dich lauschen, ganz tief spüren,

wie Friede einzieht in dein Herz,
vergessen Hektik, Leid und Schmerz.
Im Hier und Jetzt dann Eins zu werden,
das ist das höchste Glück auf Erden.


 

Herbst

Alle Gedichte © Anita Hasel


Schön, den Sommer noch zu spüren und sich dabei auf den Herbst zu freuen!

Kupferfarbenzeit

So weich
wie warme Kupferfarben
die im leichten Raschelwind
nach alten Weisen tanzend kreisen
als ging‘ der Sommer nie vorbei

so froh
des Mutes guter Dinge
frei wie zarte Schmetterlinge
die an großen Rosengaben
leise zitternd sich erlaben

so erhaben
leuchtet weit das gold’ne Haar
hochbetagter Himmelsriesen
die auf immergrünen Wiesen
ihre Schatten fließen lassen

so gelassen
webt der Herbst
sein filigranes Blätterkleid
schon längst bereit
den letzten Samen zu verwehen

so besehen
ist es Pracht
vollendet eines Sommers Lauf
und steigt durch Nebenschwaden auf
um in Kupferfarben zu zergehen.


Jede Jahreszeit hat ihren eigenen Reiz

Zwiebelkuchenträume

„Schon wieder Herbst“, sagst du schon wieder.

Der Herbst fährt Bäumen in die Glieder,
rauscht Blätterriesen durch die Bärte.
Die Sommerluft verwöhnte Erde
schmückt sich mit edlem Pergament.

Die warmen Farben sind jetzt Trend,
sie schimmern auf den Morgenweiden
mit Nüsternhauch und feinen Seiden,
die sanft der Sommerzeit entschweben,

zu einem sinnlichem Erleben
mit prallen Früchten, süßem Wein,
lädt uns der Herbst zum Schwelgen ein,
bei wahren Zwiebelkuchenträumen.

Das darfst du wirklich nicht versäumen!


… wenn Libellen träumen

Zeitsprung

Sieh‘, im Herbstseerosenteich,
da schlummert der Libellenlaich,
träumt süß vom einem Trockenreich
mit Flügeln, zuckerwatteweich.
Ist er auch jetzt noch laichenbleich:
Für ihn ist’s Frühling

gleich!