Durch meine Brille

“Durch meine Brille” ist rein subjektiv. Jeder hat so eine “Brille”, egal ob Blindschleiche oder Adler. Hab mir meinen “Reim” über dieses und jenes gemacht.

  • Das neue Jahr steht vor der Tür

Stell dir vor, es klingelt und das neue Jahr steht buchstäblich vor deiner Tür. Sieht es aus wie jemand, der es gut mit dir meint? Würdest du es hereinlassen? Oder bist du verunsichert? Aktuell scheinen Überfälle, Diebstähle, Einbrüche, Gewalt und Terror immer mehr zuzunehmen. Sorgen und Ängste machen sich breit. Wie geht man damit um?
— Gedicht lesen — 

Eine nicht ganz ernst gemeinte Schilderung vom Ablauf einer Familienfeier.
— Gedicht lesen —

  • Die Regenbogenkresse

Natürlich ist hier die Regenbogenpresse gemeint. Vor allem die Musikproduzenten. So manch talentlose Sängerin wird über Nacht zum Star gemacht. Nach einer Weile ist die Neugier befriedigt und der Star muss damit fertig werden, dass sein Licht am Medienhimmel wieder erlischt.
— Gedicht lesen —

  • Der ewige Patient

Wenn du in deinem Leben Aufregung vermisst: Geh mal wieder zum Arzt! Allein einen Termin zu bekommen, ist schon spannend. Eine Zerreißprobe für deine Nerven ist das lange Sitzen im Wartezimmer. Endlich wirst du aufgerufen – und sitzt schon wieder, dieses Mal vor der Arzttür. Die Gedanken drehen sich nur um die neuen Beschwerden, die hierher geführt haben, und diese sind beunruhigend, manchmal auch beängstigend. Dann wirst du endlich hereingebeten und wartest wieder – denn der Arzt schreibt erstmal einen Roman in seinen Computer, ohne dich anzusehen. Plötzlich die Frage, wie es dir geht. Die Antwort kommt maschinengewehrartig aus deinem Mund, ja alles sagen in der kurzen Zeit, die du nun hast und hoffentlich nichts vergessen. Der Arzt tippt wieder, sagt ein paar Sätze, von denen du nur die Hälfte verstehst, drückt dir ein Rezept in die Hand und – das war’s.
— Gedicht lesen —

  • Abgefahr’n

Du fühlst dich allein? Fahr’ mal wieder mit der Straßenbahn. Unterhaltsam, heimelige Enge, fast vergessene Düfte, ein sehr menschliches Erlebnis.
— Gedicht lesen — 

  •   Die Frau im Spiegel

Wenn man die Mutter früh verliert, kommt einmal der Tag, an dem man genauso alt ist wie es die Mutter war, kurz bevor sie starb. Man schaut in den Spiegel und stellt die Ähnlichkeit fest. Man fragt sich, was würde die Mutter sagen, wie sie diese Frau im Spiegel, ihr längst erwachsenes Kind, jetzt sehen könnte.
— Gedicht lesen —


Alle Gedichte © Anita Hasel


Das neue Jahr steht vor der Tür

Ein Böllerkrachen, Donnerschlag!
Erschreckt schau ich zur Tür.
Wer um die Zeit noch kommen mag?
Es war so friedlich hier.

Mit allem, was an Mut ich find’,
geh‘ ich zur Türe hin.
Gespenstisch heult der eis’ge Wind.
Es friert in meinem Sinn.

Da öffnet sich der Türe Schloss,
als ich den Schlüssel dreh‘.
Bin meine letzte Fassung los,
denn was ich vor mir seh‘

ist eines Jahres Dunkelheit.
Geliebt, zerstört, verlor’n.
Erschüttert und in Bitterkeit
ward Hass herauf beschwor’n.

Ich sehe Angst, Verzweiflung naht.
Zur Trauer sich gesellt
der Friede, er ist aufgebahrt.
Gewalt regiert die Welt.

Ein Mensch geht seinen letzten Gang,
gleichgültig sein Geleit.
Auf Mitleid wartet mancher lang‘,
es stirbt die Menschlichkeit.

Das ist zu viel, geh’ weg von mir!
Ich kann mich nicht mehr rühr’n.

Da tritt das Jahr durch meine Tür,
lässt mich die Sonne spür’n,

die über Dächern aufgetaucht
das neue Jahr erhellt.
Aus Tropfen, die vom Eis getaut,
erblüht die Farbenwelt.

Ich sehe Kraft, die Hoffnung birgt,
sie nimmt auch Angst in Kauf,
mit Trotz, der dennoch Gutes wirkt,
so geht der Plan nicht auf,

dass Terror Wut und Chaos sät.
Der Wille ist ein Stein.
Ein Mensch, der fest zum Frieden steht,
lässt nicht den Hass herein.

Kann ich das Neue vor mir seh’n,
seh‘ ich auch Licht vor mir.
Das Dunkle und der Schmerz vergeh‘n.
Das neue Jahr bleibt hier.


Verwandtschaft satt

Essen ist in uns’ren Landen
stets vorhanden
nie vergessen
die Verwandten
eine süße Leckerei
bringen sie zum Fest vorbei

essen wie die Elefanten
Erdbeerkuchen, Apfelstrudel
von dem heißen Dampf die Nudel
Schweinebauch und Hühnerbein
Kirschenmichel auch mit Stein
Magerquark mit fettem Schmand
und den Muffin aus der Hand

um mit ihren dicken
Bäuchen
sich dann endlich anzuschicken
erst zum Rücken vieler Stühle
dann zum Gehen in die kühle
Nacht hinaus und in die Ferne:

Ja, so haben wir sie gerne.


Die Regenbogenkresse

Am Brunnenrand die Kresse stand –
ein blasses Grün im Schattenland –
dem Sonnenvolk ganz unbekannt.

Die Sonne schien, der Regen fiel,
ein Regenbogen nahm zum Ziel,
das Pflänzlein an des Brunnens Rand
wo es ein Wasserträger fand.

Die Zeitung zeigte gleich ein Bild,
das machte jeden Gärtner wild.
„O denk mal, sieh mal, schau mal da:
Ein selt’ner Spross, wie wunderbar!“

Ein Kressling mit solch’ bunten Farben,
der sollte nicht im Dunkeln darben.
Man hub sie aus und grub sie ein,
in ein Gefäß aus edlem Stein.

Man pflegte sie – denn sie war jung –
mit Rindenmolch und süßem Dung.
Man schnitt die krausen Triebe glatt,
polierte jedes kleine Blatt,

band ihren Stängel an den Stab,
der fernwirktechnisch Wasser gab.
Man zog den Hals ihr doppelt lang
und legte eine Krause an.

Mit buntem Glitzerflitterband
sie oben auf der Büste stand.
So kam es dann, zum Gärtnerfest,
dass jedermann auf dem Podest
die kleine Kressepflanze fand –
ein strahlend Bunt im Sonnenland –
und staunend auf dem Schilde las,
das auf dem edlen Steine saß:

Den Welt-Botanik ersten Preis –
dank Gärtners Müh’ und großem Fleiß –
verlieh die Glitzerflitterpresse
der Riesen-Regenbogenkresse.


Der ewige Patient

Schon lange
ist das Datum rot.
In den Kalender sah ich bange,
schlug manche Stunde tot,
bis zum Moment, den ich ersehnt,
herbei gefürchtet und erhofft,
kein Sterbenswort auch nur erwähnt,
nicht recht geschlafen,
wie so oft.

Nun sitz‘ ich hier
in trüber Stille,
denn dieser kranken Kummerrunde
hilft keine Wunderpille,
so schmerzt das Warten schier.

Hier windet sich kein Lebenswille
zur roten Schicksalsstunde,
wo weiter tickt die laute Uhr
nur noch vom Räuspern ausgeblendet.
Zerpflückte Schundliteratur
auch keinen Trost mir spendet.

Nur hier
will jeder gern der Nächste sein.
Noch vier vor mir.
Wann darf ich endlich rein?

Nach Ewigkeit mein Name fällt
und explodiert in meinem Ohr.
Ich bin jetzt in das Innerste gestellt –
und warte wieder wie zuvor.

Doch nun
verklumpt die Zeit zu Brei,
der Arzt hat immer noch zu tun,
mein Blick zieht ganz allein vorbei
an Instrumenten, Pflaster, Spritzen,
zwei Hände, die im Schoße ruh‘n,
beginnen nun zu schwitzen.

Da fällt der weiße Kittel ein,
und ruft:
„Sie sitzen, das ist fein!“
Dabei spricht er zu dem PC,
dann sagt er nichts,
ich denk: O je!

Dann endlich doch erlöst ein Wort
mich von dem Weh,
wie es mir geht,
weiß er sofort,
und dann erklärt er‘s mir genau,
in richtig wichtig langen Sätzen.
Ganz instinktiv stell‘ ich mich schlau,
lass mich von seiner Rede hetzen.

Sein letztes Wort
ein weises wie so oft
hallt noch in meinem Kopf.
Doch der ist leer,
mich zu erinnern fällt nun schwer.

Ich armer Tropf
komm’ immer wieder her.


Abgefahr’n

Jeden Morgen ins Gedränge,
freiwillig, ganz ohne Zwänge,
in die heimelige Enge,
mitten in die Menschenmenge.

Knoblauchduft wie aus der Gruft,
schwelt vermodert in der Luft.
Ein Dreikäsekoch, ein Schuft,
hat die Blähungen verpufft.

Dumpfe Trommelschläge schwingen,
leider hört man keinen singen.
Lieblicher die Töne klingen,
die den Anruf mit sich bringen.

Deutlich hebt sich ab der Ton.
Eine Frau am Telefon
spricht mit ihrem lieben Sohn:
„Ich bin in der Nähe schon.“

Süße Säfte, Dosen spritzen,
wo wir lehnen, stehen, sitzen,
kleben Gummis in den Ritzen
und die Pommestüten schwitzen.

Leere Blicke schauen weg,
oder stieren auf den Fleck
in der Zeitung mit dem Dreck,
dient der Schaulust nur zum Zweck.

Werbeflächen kleben außen,
keiner sieht so recht nach draußen,
wie die Haltestellen sausen
und die armen Leute hausen.

Jeden Tag der gleiche Wahn,
den ich immer wieder ahn’.
Denn so richtig abgefahr’n,
ist’s nur in der Straßenbahn.


Die Frau im Spiegel

Augen aus dem Spiegel schauen
wohl vertraut in mein Gesicht.
Kann ich meinem Anblick trauen?
Bin ich du und du bist ich?

Du bist die, die mich geboren
und geliebt vor langer Zeit.
Ich bin die, die dich verloren,
damals war ich nicht so weit.

Sieh mich an mit deinen Augen,
sag, erkennst du jetzt dein Kind?
Manchmal kann ich es nicht glauben,
Falten kamen mit dem Wind.

Ich steh’ fest in meinem Leben,
mittendrin, wie damals du.
Freunde hat es mir gegeben
und den Mann zum Glück dazu.

Hab’ viel von der Welt gesehen.
Ach, du fragst nach Angst und Pein?
Sah sie kommen und auch gehen.
Wie es war, so sollt’ es sein.

Wird die Trauer jemals enden?
Und was bleibt in Ewigkeit?
Liegt das Glück in meinen Händen?
Gibt es Liebe ohne Leid?

Niemand kann das wirklich wissen,
nicht im Jenseits oder Hier.
Immer werd’ ich dich vermissen,
denn du bist ein Teil von mir.