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Ostern

Ostern
(Abschrift von der Titelseite der Ausgabe „Badische Volks-Zeitung“ (Mannheimer Stadt-Anzeiger und Handels-Zeitung, Sonntag, 25. April 1886)

„Wieder hat sich die Erde in zartes, frisches Grün, den Reiz des jungen Lenzes, gekleidet. Lange hat der Winter die Natur und auch unser Denken und Fühlen in seinem eisigen Banne gehalten; aber nun geht der warme Athem des Frühlings über Wald und Flur und weckt mit innigem Rufe die Blümlein, die dort unten schliefen; er umkost schmeichelnd die Menschenbrust, die dem Frühling sich so gerne erschließt; mächtig regt es sich in allen Zweigen. Ueber Nacht sind die saftgeschwellten Knospen an Baum und Strauch aufgesprungen; von dem dunklen Holz der kahlen Aeste hebt sich das zarte Grün eben entfalteter Blättchen hellschimmernd ab, und über die Matten breitet sich ein glänzender, grünsammtner Teppich aus mit gar köstlicher Stickerei von eingewirkten Blümlein tausenderlei Namen und Art.

Und der Himmel freut sich des knospenden Lebens. Die grämlichen Wetterwolken, die so lange wie eine dunkle Drohung über unserem Haupte hingen, sind von seiner Stirne hinweggewischt; aus wallenden Nebelschleiern ringt sich die Sonne siegreich lächeln hervor.

Und in den Frühlingsjubel aller Wesen stimmt auch das Menschenherz mit ein. Da drinnen ist der Lenz ja gleichfalls eingekehrt; sein belebender Hauch hat auch hier das Eis hinweggeschmolzen und dem dürren Boden sind neue grüne Triebe der Hoffnung entkeimt. Trunkenen Blickes schweift das Auge über die neugeborene, zu neuem Leben auferstandene Erde; das Werden in der Natur kündet’s dem Menschen, daß auch für ihn die Zeit zu neuem Schaffen gekommen.“

Eine lustige Anekdote aus Heidelberg

„Ein lustiges Anekdötchen weiß das Heidelberger Tageblatt zu erzählen: Auf dem schönen Bahnsteig der Straßenbahn am Bismarckplatz stand dieser Tage ein recht wohlbeleibter Herr mit besonders gut entwickeltem „Niederlassungsorgan“. Als die Straßenbahn nach Handschuhsheim mit einem Anhängewagen ankommt, fragt der Herr mit einem Blick auf den zweiten Wagen den Schaffner: „Geht der Hintere mit?“ Der Schaffner aber hat diesen Blick übersehen, schaut sich auf die Frage den Herrn prüfend an und antwortet dann mutig entschlossen: „Ja, wenn ma e biss’l zammehelfe, dann werde ma’n minanner schon beibringe!““

Abschrift aus der Langenberger Zeitung 28.04.1926

Über die Erwerbsfähigkeit der Arbeiterinnen in Berlin

„Ueber die Erwerbsfähigkeit der Arbeiterinnen in Berlin veröffentlicht der „Frauenbund“ Folgendes:
„Eine Arbeiterin, welche allein steht, bedarf hier in Berlin zu ihrem täglichen Unterhalt: für die Schlafstelle (monatlich 6 Mark) 20 Pfennig, für Frühstück 15 Pfennig, für Mittagsbrod 30 Pfennig, für Abendbrod 25 Pfennig, macht in der Woche 6 Mark 30 Pfennig. Dazu kommt noch wöchentlich für Wäsche 75 Pfennig, und für Kleidung und Schuhzeug 1 Mark 50 Pfennig. Es braucht eine Arbeiterin also zu ihrem Unterhalt bei ganz einfachem, solidem Leben wöchentlich 8 Mark 55 Pfennig. Zu dieser Höhe des Verdienstes bringen es aber die Weitem nicht alle Arbeiterinnen. Die Näherinnen von Manschetten z.B. bekommen für ein Dutzend Paar besserer Qualität 60 Pfennig, für ein Dutzend geringere Qualität 30, 35, höchstens 40 Pfennig. So verdienen sie bei angestrengter Arbeit die Woche 3 Mark 60 Pfennig oder 4 Mark 90 Pfennig, höchstens aber 7 Mark 20 Pfennig. Für selbe Arbeit an Schürzen erhält die Arbeiterin für das fertiggestellte Dutzend 1 Mark 40 Pfennig, für ein Dutzend gewöhnlicher Art 40 bis 60 Pfennig, bezahlt dabei das Garn und verdienst also im besten Fall wöchentlich bei dieser Arbeit 5 Mark. Das sind trostlose Verhältnisse und ein großer Theil der Fabrikmädchen muß sich entweder Nebenverdienst verschaffen, indem es die Bahn des Lasters betritt oder es muß trotz allen Fleißes darben und hungern. Auf denen, welche zu Hause arbeiten, fallen ja noch obendrein schwere Ausgaben für Wohnung, Feuerung, Licht u. dgl.“

Sowie in Berlin ist der Lohn überall ein kläglicher. Da hilft keine gute Erziehung, da helfen keine Vereine „zur sittlichen Hebung der unteren Klassen“, die eiserne Noth kennt kein Gebot und durch die Hungerlöhne werden unerbittlich die Arbeitermädchen der Prostitution in die Arme getrieben. Alle Vereine, alle Bestrebungen der höheren Klassen hiergegen sind nichts, als die pure Heuchelei, sofern sie nicht auf die wirtschaftliche Hebung der Mädchen und Frauen, auf die Erhöhung des Lohnes der Frauenarbeit und Schonung der Arbeitskraft der Frau hinauslaufen.“

Abschrift aus Badische Volks-Zeitung (Mannheimer Stadt-Anzeiger und Handels-Zeitung),
28.08.1885)

Der Fliegenprozeß

An einem schönen Sommertage des Jahres 1625 schmauchte der Gewürzkrämer und regierende Bürgermeister des Städtleins Ziegenberg, Herr Tobias Nußknacker, ein Pfeiflein Tabak zum Fenster heraus, und ergötzte sich an den ehrfurchtsvollen Bücklingen seiner vorübergehenden Unterthanen. „Es ist doch wahrlich recht anzusehen, ein vornehmer Mann zu seyn!“ sprach er für sich. „Ich bin in jeder Betrachtung, sowohl an Reichthum als Macht, der König von Ziegenberg, und Trotz sey dem geboten, der mir Achtung und Gehorsam verweigert!“

Dieser Trumpf galt einem jungen Maler, der gegenüber wohnte und bei dem Pfefferkönige Tobias im schwarzen Register stand, weil er oft und auf mancherlei Art an den Tag gelegt hatte, daß er sich auf ihm so viel als nichts mache. Das bewies er auch eben jetzt. Er stieß mit heftigem Geräusch das Fenster auf, zog vor dem erhabnen Nachbar, der ihn ernsthaft anstarrte, sein Käpplein nicht ab, sondern begann mit einem hochgeschwungenen Tuche ein Treibjagen der unzähligen Fliegen, die sich bei ihm eingefunden hatten, um ihm in ihrer punktarten Manier malen zu helfen.

Sie nahmen ihre Flucht in gerade Richtung über das schmale Gäßchen hinüber, flogen dem Bürgermeister ins Angesicht, und als er darob zurückfuhr, in die Stube hinein. Er, ein abgesagter Feind ihres Geschlechts, fluchte, stampfte mit den Füßen und ballte dem Maler eine Faust; aber mit über einander geschlagenen Armen stand der Unheilstifter ruhig am Fenster und lachte des ungeberdigen Mannes.

Das war denn ein Majestätsverbrechen, das der stolze Häuptlein von Ziegenberg nicht ungeahndet lassen konnte. Er schickte nach dem Rathsfrohn, der mit einem armdicken Stocke, dem Zeichen seiner Würde, sogleich erschien. „Hört“, sprach Herr Tobias, „geht stracks zu dem Farbenklecker Dietrich hinüber und sagt ihm in meinen Namen: er könne Gurken malen, so viel er wolle, nur mög‘ er sich bei seiner Obrigkeit keine Gurke zu viel heraus nehmen. Er solle sich insonderheit, bei Vermeidung harter Pön, der Fliegenjagden enthalten, immaßen das Geschmeiß zu mir herüber komme und meine Gemächer anfülle. Ich, der regierende Bürgermeister, leide das nicht; das sagt dem Burschen mit Nachdruck! Und sollt‘ er sich mit schnöden Worten, oder gar thätlich an euch vergehen, so nehmt ihn beim Fittich und führt ihn in die Frohfeste!“

Der Rathsdiener entledigte sich des Auftrags mit möglichster Grobheit. Es wäre ihm lieb gewesen, wenn sich Dietrich an ihm vergriffen, und sich dadurch in die Frohnfeste befördert hätte. Allein, er antwortete kaltblütig: „Wie kann mir der Herr Bürgermeister verbieten, ein lästiges Ungeziefer aus meinem Zimmer zu jagen? Ich werde das thun, so oft es mir gefällt, und es kümmert mich nicht, ob die Fliegen, die ich austreibe, in der Kabüse eines Bettlers, oder im Palaste des Kaisers eine Freistätte suchen.“ „Warte, Bube!“ rief Herr Tobias, als der Frohn mit dieser Meldung zurückkam. „Das freche Wort vor kaiserlicher Majestät soll dir gelegentlich theuer zu stehen kommen!“ Er setzte sofort ein Protokoll darüber auf. Der Frohndiener, der seinen Namen nicht schreiben konnte, zeichnete mit tölpischer Hand drei Kreuzer darunter.

Es war im Städtchen kein Geheimnis, woher des Bürgermeisters Haß gegen den Künstler entsprang. Jener erzog in seinem Hause ein armes, aber sehr reizendes Mühmchen, das dem Maler ins Auge stach, als er mit einer ledernen Mappe auf dem Rücken das Land durchstrich, um schöne Gegenden aufzusuchen. Da er nun an Kunigunden eine vorzüglich betrachtenswerthe Naturschönheit fand, so ließ er sich auf unbestimmte Zeit in Ziegenberg nieder, und miethete eine Wohnung, wo er die liebliche Aussicht auf Gundchens Nähtisch und Schlafkämmerlein hatte.

Anfangs ging alles recht glücklich. Er machte dem Bürgermeister seine Aufwartung, strich geschickt den Fuchsschwanz und schmeichelte sogar mit seinem Pinsel, indem er den Herrn Tobias, sammt seiner ungeheuern Knotenperücke, so stattlich malte, daß der einfältige Gewürzkrämer wie ein kluger und vornehmer Mann aussah. Das Bildniß war unter Brüdern 50 Thaler werth; doch Dietrich nahm keinen Pfenning dafür. Dieses Opfer ließ sich der geizige Vater der Stadt in Gnaden gefallen; allein er merkte bald, daß Kunigunde mit Küssen bezahlte. Darüber ward er bärbeißig und verbot auf der Stelle seinem Cabinets-Maler das Haus. „Und auch Dir“, sprach er zu Kunigunden, „setz‘ ich nächstens den Stuhl vor die Thüre, wenn du dich ferner so wegwirfst! Wie kann sich ein solcher Mensch unterfangen, die Muhme eines regierenden Bürgermeisters zu liebkosten? Maler, Poeten und Musikanten sind ein unnützes Gesindel. Ich wolle Dich lieber mit dem Gemeindehirten, als mit einem Laffen von jenem Gelichter verheirathet sehn.“

Kunigune dachte nicht so philistermäßig von den schönen Künsten, und liebte den Male so innig, daß der Oheim mit allen seinen Abmahnungen nichts dagegen vermochte. Es wurden Blicke und Briefchen gewechselt, heimliche Zusammenkünfte verabredet und gehalten; kurz, die Sache ging ihren natürlichen Gang. Der Oheim lauerte, polterte, sperrte das Mädchen ein, und wollte den Liebhaber als einen gefährlichen Fremdling aus der Stadt verweisen, aber Dietrich verschaffte sich von höherer Hand einen Schutzbrief, und schlug, darauf gestützt, bei jeder Gelegenheit dem aufgeblasenen Bürgermeister ein Schnippchen.

Diese Feindseligkeiten und Neckereinen waren das Vorspiel des Fliegenstreites, der nicht ohne Folgen blieb.

Herr Tobias rief, als er den Schergen wieder entlassen hatte, seine Hausleute zusammen, bewaffnete sie mit Fliegenklappen und lieferte den bei ihm eindringenden Feinden ein Treffen. Sie litten eine völlige Niederlage, man sah und hörte keine Fliege mehr. Des Bürgermeisters aufgeregte Galle beruhigte sich. Er wirbelte mit eigener Hand alle Fenster zu und verbat die Oefnung derselben, um vor neuen feindlichen Einfällen sicher zu seyn.

Es war aber dennoch, ungeachtet man seine Anordnung nicht übertreten hatte, am nächsten Morgen ein zehnfach stärkeres Heer eingerückt und durchschwärmte summend und brummend das Haus. Tobias wollte aus der Haut fahren, seine Dienerschaft fand das Ding unbegreiflich; besonders Kunigunde drückte sehr wortreich ihre Verwunderung aus. Nach langem Geschwätz und vergeblicher Mühe, den unerklärlichen Vorfall zu enträthseln, zog man mit vereinter Macht gegen das geflügelte Volk zu Felde, und nach einer thätigen Viertelstunde war es gänzlich vernichtet.

Jetzt ließ sich Herr Tobias ein paar Hundert Ellen Bindfaden bringen, schnürte und fesselte damit alle Fensterflügel zusammen und drücke überall sein Siegen drauf. Der Ladendiener und die Köchin bewunderten diese Grenzbefestigung als ein Meisterstück. Gundchen aber lachte hinter dem Rücken des geschäftigen Ingenieurs. „Das soll mir wohl helfen!“ sprach er, als er das letzte Fenster petschierte. Er ward auch wirklich den ganzen Tag von keiner Fliege an der Wand weiter geärgert. Mit Gemüthsruhe legte er sich Abends zu Bette, und schlief bis an den hellen Morgen. Da weckte ihn ein Kribbeln auf der Nase. Er griff hastig dahin, erhaschte eine hineinspazierende Fliege, und entsetzte sich über einen zahlreichen, erzfrechen Schwarm, der seine Kammer durchschwärmte.

„Ist denn der Teufel hier los?“ schrie er und sprang vom Lager auf, fuhr in seinen großblumigen Schlafrock und stürmte seine Leute aus dem Bette. Sie sahen ihr blaues Wunder an der Insektenschaar, die während der Nacht, wo doch die Fliegen gewöhnlich keine Reisen unternehmen, angekommen war, und durch Mauern und versiegelte Fenster ihren Einzug gehalten hatten. Mit offenem Munde standen die Gaffer da; die Haut grieselte ihnen, und einstimmig betheuerten sie: das gehe nicht mit rechten Dingen zu. Der Bürgermeister kommandierte zum Angriff; aber seine freigen Haustruppen, die sich mit Zaubergeschöpfen in keinen Kampf einlassen wollten, nahmen Reißaus.

Nur Kundchen hielt treulich Stand und half dem Oheim die fliegende Rotte vertilgen. Doch gewann sie dadurch keinen Dank. Er beobachtete vielmehr, als er mit ihr allein war, ein hartnäckiges Stillschweigen und beschielte sie blos von der Seite mit finsteren, mißtrauischen Blicken, die den nahen Ausbruch eines Sturms verkündigten.

Bald nachher ließ er seine Collegen zu einer außerordentlichen Berathschlagung aufs Rathhaus berufen. Sie eilten vom Backofen, von der Braupfanne und vom Wurstkessel hinweg, um den Vortrag ihres hochverehrten Oberhauptes zu vernehmen. Herr Tobias eröfnete ihnen seine Fliegennoth mit den kleinsten Umständen, erwähnte der häuslichen Vorsichtsmaßregeln, die er fruchtlos dagegen getroffen hatte, und zog aus dem allen den Schluß: daß Zauberei im Spiele sey.

„Das läßt sich gar nicht anders denken!“ riefen die ehrlichen Jaherrn. „Aber wer sollte wohl in unserer guten Stadt einen Bund mit dem Teufel geschlossen haben?“

„Welche Frage!“ versetzte Herr Tobias. „Ich dächte, das könntet Ihr nach dem allen, was ich Euch von dem fremden Maler erzählt habe, mit Händen greifen.“

„Ja, das ist wahr!“ sagten sie, und bestraften sich einander selbst durch Kopfschütteln und flämische Gesichter, daß sie das nicht früher eingesehen hatten.

„Man sollte und könnte den Schwarzkünstler sogleich in Verhaft nehmen“, fuhr Tobias fort: „um jedoch recht sicher zu gehen, wollen wir noch erst einen neuen Hexenstreich abwarten. Aber dann, meine Herren! fahren wir zur, und treiben die Sache bis zum Scheiterhaufen.“

„Ja, bis zum Scheiterhaufen!“ wiederholten die Rathsherrn und schlugen mit ihren harten Fäusten grimmig auf den Tisch. Damit schloß sich die Sitzung.

Gundchen errieth es, daß die ungewöhnliche Rathsversammlung ihren Geliebten betreffe. Daher schlich sie, als der Oheim wieder nach Hause kam, lauernd und lauschend um ihn herum. Sie wollte aus seinen Mienen und Gebärden den Rathsschluß heraus buchstabieren; aber der schlaue Mann bewachte sein Amtsgeheimnis mit unüberwindlicher Vorsicht. Der Tag – es war ein Sonnabend – verstrich übrigens so ruhig als wäre dem Unwesen der Fliegen gänzlich gesteuert.

Auch den Sonntagsmorgen entheiligte kein Aergerniß. Herr Tobias verließ wohlgemuth die Federn, um sich zum Kirchgange zu schmücken. Er wirbelte zierlich seine Strümpfe von blauer Seide über das Knie hinauf, befestigte sie unter demselben mit goldenen Gürteln, knöpfte sich in grüne mit silbernen Blumen bestreute Weste und zog darüber ein scharlachrothes Kleid von unmäßiger Weite und Breite. Zuletzt vertauschte er die Nachtmütze mit der großen, den halben Rücken bedeckenden Alongenperücke, die der Haarkünstler des Orts frisch aufgekräuselt hatte, und eben, als das Kirchengeläute anfing, mit Eilschritten überbrachte. Gundchen reichte dem Oheim, nach alter Gewohnheit, einen tüchtigen Blumenstrauß. Den nahm er in die linke Hand, in die rechte den Prachthut mit goldener Tresse; und so begab er sich stolz und mit würdevoller Haltung des Körpers auf den Weg zum Tempel.

Aber er hatte kaum, wie ein Bräutigam aus seiner Kammer hervorgehet, die Gasse betreten, als ihm ein Rudel Fliegen, das zur Störung seiner Kirchenparade verschworen schien, von allen Seiten umkreiste, und sich auf seine Perücke niederließ. Ihr Zuflug war nicht abzuwehren, denn der Wohlstand machte es dem regierenden Bürgermeister von Ziegenberg zur Pflicht, sich kerzengerade, wie Don Juans steinerer Gast, zum Gotteshause zu bewegen. Herr Tobias war auch gar nicht der Mann, der solche löbliche Sitte verletzte. Er that zwar jetzt das Aeußerste, indem er einigemal den Blumenstrauß, den er steif vor sich her trug, etwas höher, als schicklich war, empor hob, um Schrecken auf seinem Scheitel zu verbreiten; allein, das fruchtete so wenig, als wenn man ungezogenen Kindern die Ruthe zeigt, die sie nimmer zu fühlen bekommen. Die Perücke ward also immer stärker bevölkert, und er trug die zahlreiche Colonie in die Kirche hinein.

Die Fliegen des Gotteshauses sahen den Einzug ihrer Schwestern, stellten sich vor, es müsse dort Zucker zu lecken seyn, und blitzschnell versammelten sie sich aus allen Winkeln auf der Haarhaube des Consuls. Sie, die sonst mit dem frisch gefallenen Schnee wetteiferte, schien jetzt, als er das Schiff der Kirche langsam durchschritten hatte und im Rathsstuhle ankam, mit Ruß gepudert; so dicht saßen darauf die schwarzgrauen Gäste beisammen.

Der geräuschvolle Aufstand der schon gegenwärtigen Magistratspersonen verscheuchte sie einen Augenblick; aber mit zornigem Brummen nahmen sie sogleich ihren Platz wieder ein. Die Vornehmen des Raths, besonders ihre alten Gemahlinnen, kreuzten und segneten sich. Einige der letztern bedeckten ihr faltiges Gesicht mit dem Fächer, um dahinter zu lachen.

Als aber das Uebel immer ärger wurde, nahm ein entschlossener Rathsherr seiner Eva das Feigenblatt der Schadenfreude aus der Hand, stellte sich damit hinter den Regenten und wedelte aus allen Kräften, um die schwarze Legion zum Weichen zu bringen. Sie wich, durchschweifte einige Sekunden lang die nächsten Kirchenstühle, kam hastig zurück und ward aufs neue in die Flucht geschlagen. So dauerte die Ebbe und Fluth des Fliegenmeeres unablässig fort, bsi der Pfarrer die Kanzel bestieg. Mit Verwunderung sah er aller Augen, die sonst nach ihm gerichtet waren, auf das Raths-Bethstübchen geheftet. Er wandte die seinigen auch dahin, erblickte das wunderbare Gewimmel auf dem Haupte des Bürgermeisters, und gerieth darüber in eine solche Zerstreuung, daß er fünf Minuten hustete, stammelte, und dann den Vorhof der Predigt eilig schloß, um sich während des Kanzelliedes zu fassen.

Da Ziegenberg meistens von Ackerbürgern bewohnt wurde und die Erndte nahe war, so hatte der Herr Pastor ein paar Verse gewählt, die sich auf den Feldbau bezogen. Es kamen darinnen die Worte vor: „Heuschrecken und anders Geziefer sind Ruthen deines Zorns.“ Diese Zeile war Wasser auf die Mühle der Frau Kreis-Inspectorin Krallsinger, die in der Kirche dem hochedlen Rathe gegenüber thronte und den Bürgermeister tödtlich haßte, weil er geben ihren Eheherren einen Rangstreit erhoben hatte. Sie krähte jene Worte so laut als möglich, um dem Feinde zu verstehen zu geben, daß seine Perückenplage eine göttliche Strafruthe sey. Indem sie aber in dieser christlichen Absicht das weite Thor ihres zahnlosen Mundes von Ohr zu Ohr aufriß, stürzten sich fünf oder sechs Fliegen hinein, die zu der großen, von den Fächerschwingen eben hart gedrängten und versprengten Bande gehörten. Frau Krallsinger sprudelte, spuckte und stöhnte, als wolle sie ersticken. Zwei Gevatterinnen wackelten mitten durch die Kirche hindurch ihr zu Hülfe, klopften ihr den Rücken, schnürten sie auf, führten sie fort und polterten scheltend in den Rathsstuhl hinein. Die ganze Gemeinde fuhr mit langen Hälsen von ihren Sitzen empor; Gesang und Orgel verstummten, ungehobeltes Volk lachte laut; man glaubte, nicht in der Kirche, sondern in einer Gaukelbude zu seyn. „O, Dietrich! Dietrich!“ ächzte Tobias, und Schaam und Verzweiflung jagten ihn durch die gaffenden Reihen aus dem Tempel.

Er lief in den Hof seines Hauses, warf die Alongenperücke, die noch immer mit Fliegen bedeckt war, in die große Wasserkase und rannte mit kahlem Kopfe und einem grimmigen Löwengesichte in seine Wohnstube. „Himmel, was ist Ihnen begegnet?“ schrieb Gundchen und schlug die Hände hoch zusammen. Er antwortete nicht, streckte sich in den Sorgenstuhl und versank in tiefes Nachdenken.

Eine Stunde darauf erschien, aus der Kirche kommend, der gesammte Magistrat, nebst seinem Anhange, dem Stadtschreiber Fidibus. Es ward eine lange Conferenz bei verschlossenen Thüren gehalten. Nach Endigung derselben begab sich der Senat hinweg; aber den Stadtschreiber zupfte Herr Tobias treulich am Aermel, führte ihn in den Kramladen, schob ihm in die rechte Tasche ein Pfund Tabak und in die linke eine Flasche Branntwein; denn beide Genüsse waren des Herrn Fidibus Himmel auf Erden. Er trieb auch seine Dankbarkeit so weit, daß er seinen Wohlthäter die Hand küßte. „O, nicht doch, Männchen!“ sagte Tobias, als es mit dieser Weigerung zu spät war. „Aber ich bitte Dich! – setzte er mit Wangenstreicheln hinzu – „thu in der bewußten Sache Dein Bestes!“ Herr Fidibus schlug betheuernd an seine Brust, und schwänzte mit der angenehmen Bürde fröhlich nach Hause.

Nachmittags wollte Kunigunde, um den mürrischen Oheim aus den Augen zu kommen, in die Kirche gehen und nachher eine Freundin besuchen; allein er belegte sie mit den Haus-Arrest, unter dem scheinbaren Vorwande: es sey ihm nicht wohl, er werde vielleicht ihrer Hülfe bedürfen. So erfuhr sie denn nicht, was ihrem Freunde bevorstand. Herr Fidibus brachte nämlich eine Macht von 30 bewaffneten Spießbürgern auf die Beine, rückte damit gegen Abend vor Dietrichs Wohnung, und nahm ihn, nach einer lebhaften Gegenwehr, die dem vorwitzigen Heerführer selbst einen Zahn kostete, gefangen.

Gundchen war außer sich, als sie den Geliebten, unter dem jauchzenden Zulaufe der ganzen Stadt, ins Gefängnis schleppen sah. Aber sie bot alle Geisteskräfte auf, um ruhig zu scheinen; denn nur unter dieser Maske hielt sie es für möglich, die Hände zu seiner Unterstützung frei zu behalten.

Kaum war sie so mit sich einig, als der Oheim in ihr Kämmerchen trat und höhnisch fragte: ob sie ihres Geladons Verhaftung gesehen habe? „Ja“, antwortete sie mit einer gleichgültigen Miene. „Was hat er denn verbrochen?“ „Er ist ein Zauberer“, sagte der Oheim, „er steht mit dem Fliegenfürsten Satan im Bunde; er hat mein Haus und meine Perücke behext, er hat den Kaiser gelästert. Du kannst ihm nunmehr ein Todtenhemde nähen, sein einziger und letzter Weg, den er noch auf Erden wandeln wird, geht zum Scheiterhaufen.“

„Gott sei seiner Seele gnädig!“ seufzte Kunigunde. „Hat er sich wirklich in die schwarze Kunst eingelassen, so hab‘ ich übrigens kein Mitleid mit ihm.“ „Das ist vernünftig gesprochen!“ rief Herr Tobias, der nichts weniger als ein Seelenkenner war, und von der Liebe – bis zum Gelde ausgenommen – keinen Begriff hatte.

Der Kriminalprozeß begann des folgenden Tages mit grimmiger Strenge. Herr Fidibus hoffte durch eifrige Betreibung desselben nicht nur Tabak in Hülle und Fülle zu gewinnen, sondern auch sogar, wenn Dietrich in Asche verwandelt worden sey, Kunigundes Hand zu erobern; denn daß er schon vor einiger Zeit einen Korb von ihr empfangen hatte, schrieb er einzig und allein auf des Malers Rechnung, und brannte deshalb vor Begierde, den Nebenbuhler brennen zu sehen. Dietrich läugnete zwar Beelzebubs Bekanntschaft in allen Verhören, und lachte über diese Anschuldigung laut; der Stadtschreiber aber verließ sich auf die ersprießliche Wirkung der Folter, und arbeitete mit rastloser Feder nach diesem menschunfreundlichen Ziele hin.

Der Brand des Scheiterhaufens ward, wie ein Luftfeuerwerk, von allen Ziegenbergern mit Ungeduld erwartet. Männiglich hielt den Inquisiten um so weniger für unschuldig, da jeden Abend eine riesenhohe, in weiße Tücher gehüllte Frauengestalt aus den Ruinen eines Klosters hervorschreitend, in die Frohnfeste ging, ohne dem Kerkermeister, nach dessen gerichtlicher Aussage, sichtbar zu werden. Es war Kunigunde, die, unverrathen von dem bestochenen Manne, ihren Freund besuchte und ihm Speisen brachte, indem ihr Oheim ruhig am anderen Ende der Stadt in einem Bier- und Tabaksclubb saß. Der hintere Theil seines Hauses grenzte mit den öden Klostermauern; das liebende Mädchen konnte daher, von keinem Menschen gesehen, hineinschlüpfen, sich darinnen vermummen und mit feierlichen Geistesschritten heraus gehen. Zu einer solchen halsbrechenden That war in ganz Ziegenberg kein Heldenherz vorhanden. Wer das vermeinte Gespenst nur von vorne sah, warf sich über Hals und Kopf in die Flucht.

Unter diesen Umständen litt der Gefangene keine Noth. Er besaß überdies eine reichlich gefüllte Geldbörse, durch die er sich alle möglichen Freiheiten und Bequemlichkeit verschaffte.

Nach fünf oder sechs Wochen lief ein hartes Urtheil ein, daß dem Inquisiten die beiden ersten Grade der Folter zuerkannte. Es ward ihm vorgelesen, und man ermahnte ihn beweglich: sich ohne Marter zum Geständnis zu bequemen. Er aber sagte mit Gleichmuth: man möge den Scharfrichter nur kommen lassen, er wolle doch sehen, ob Meister Hämmerling oder die Wahrheit den Sieg davon tragen werde.

In Ziegenberg wohnte kein solcher Schreckensmann; es musste einer sechs Meilen weit herbei gerufen werden. Er kam mit Knechten, mit Daumenschrauben und andern furchtbaren Geburtszangen der Wahrheit, die er zum Theil, nach geheimer Vorschrift des Urtheilspruches, in der Folterkammer nur drohend vorzeigen sollte, um Angst zu erwecken. Der Magistrat gab ihm eine Audienz. Die sechste Morgenstunde des folgenden Tages ward zur Folterung bestimmt. Herr Tobias ging mit den Hühnern zu Bette, um recht früh, ohne Verkürzung seiner gewöhnlichen Ruhezeit, auf dem Platze zu seyn.

Das erste Hahnengeschrei weckte ihn auf. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen, und lernte noch im Bette eine Rede auswendig, die er in der Folterkammer halten wollte. Herr Fidibus hatte sie entworfen und aus schwülstigen Worten zusammengefaßt, die dem alten Grützkopf, der nur Zahlen zu merken gewohnt war, schwer eingingen.

Als er sich noch damit quälte, ward die Hausglocke heftig gezogen. Bald darauf klopfte die Köchin an seine Thüre und meldete durchs Schlüsselloch: der Rathsfrohn verlange den hochedlen Herrn Bürgermeister unverzüglich zu sprechen. „Mir ahnt schon, was er bringt“, sagte Tobias zu sich selbst, indem er den Schlafrock anzog. „Der Arrestant will gutwillig beichten, um gesunde Glieder zu behalten. Recht gut! So bin ich der verdammten Rede überhoben. – Doch bei dem allen ists Jammer und Schade, daß die heutige Solennität rückgängig wird; sie hätte im ganzen Lande ein für uns rühmliches Aufsehen gemacht! – Nun, desto gewisser bleibt uns der Scheiterhaufen! –

Er öffnete jetzt; der Frohn stürzte todtenbleich ihm zu Füßen und schrie wie ein Wahnsinniger: „Ich bin ein unglücklicher Mann! Der ganze hohe weise Rath ist unglücklich! – „Ei, warum nicht gar!“ sagte Tobias. „Die Sache ist nicht so schlimm, ich bin schon darauf vorbereitet.“ „ Gott sey Dank!“ sprach der Frohn, und stand getrost wieder auf. „Ich hatte eine schreckliche Nacht. Von elf bis zwölf Uhr wirtschaftete der Teufel in der Frohnfeste. Es schrie wie Eulen, es brüllte wie Löwen, es lief wie auf Hufeisen die Treppe auf und nieder. Wer da? schrie ich herzhaft in den Tummult hinaus. Da erhielt ich von einer unsichtbaren Hand eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte. Ich mühlte mich zitternd und zagend in meine Betten. Das Getöse dauerte fort, und endigte sich erst, da es zwölf schlug, mit einem Gekrach, als stürzte das Haus zusammen.“

„Ha! Mich schaudert!“ sagte Tobias. „Lauft zum Stadtschreiber und laßt den Spuk registrieren, damit der Inquisit bei der peinlichen Frage darüber vernommen werden kann.“

„Der Inquisit? – vernommen? – fragte der Froh ganz kleinlaut. „Ich denke, der Herr Bürgermeister wisse es schon, daß er verschwunden ißt.“ – „Kerl, ihr seyd toll!“ brüllte Tobias, und packte ihn an der Brust. „Ja, er ist fort!“ sagte der Frohn. „Das wird nun einmal nicht anders, wenn mich auch Eure Hochedeln zerreißen und verschlingen. Ich ging diesen Morgen in sein dreifach verschlossenes Gefängnis, um ihm zur Torttur zu wecken; aber das Nest war leer, und aufder Bank lag dieser Zettel.“

Hastig griff der Bürgermeister nach dem beschriebenen Blättchen und las: „Lebt wohl, Herr Consul! Ich reise von hier. Verzerrt, wie ihr wollt, drob die Miene! Ich bin ein bischen klüger als Ihr; das ist der Teufel, dem ich diene.“

„Impertinent“, brummte Tobias. Das Blut kochte in seinen Adern. „Margrethe!“ rief er zur Thür hinaus: „Sagt Kunigunden, sie soll mir die Schachtel mit niederschlagendem Pulver schicken.“ Den Frohn fuhr er an: „Schert euch zum Stadtschreiber!“ Darauf warf er sich auf einen Stuhl, las die Abschiedskarte nochmals durch und zerriß sie.

„Ach, daß sich Gott erbarm!“ heulte jetzt Margrethe herein. „Um Gottes Willen, Herr Bürgermeister, erschrecken Sie nicht! Jungfer Kunigunde ist über alle Berge! Das Bett steht da, wie ichs gestern gemacht habe, und der Kleiderschrank ist offen und leer. –

Tobias starrte sie an, die Lippen wurden ihm blau; er fiel in Ohnmacht. Margrethe kreischte zum Fenster hinaus um Hülfe. Es fehlte nicht an Beistand; denn das ganze Städtchen war schon in Bewegung, um den Inquisiten zur Marterbank führen zu sehen. Man schrie den Ohnmächtigen in die Ohren, besprengte ihn mit Wasser, kitzelte seine Nase mit Federn, und er schlug zur Freude aller Anwesenden die Augen wieder auf. Er winkte seinen Aerzten, sich zu entfernen. Sie gehorchten mit Seufzen. Doch er behielt keinen Augenblick Ruhe. Herr Fidibus stürmte herein, und gebärdete sich wie ein Besoffener über die Entweichung seiner Auserwählten. „Auch meine treffliche Rede“, fuhr er kläglich fort, „geht in die Pilze! Ich wollte sie in die Landtrompete, dem beliebten Wochenblatte, abdrucken lassen, und wir hätten Ehren damit eingelegt, aber nun wird die Trompete unsere Schande verkündigen. –

„Wer kann helfen!“ seufzte der Bürgermeister. „Was können wir thun?“ „Den Flüchtling reitende Bothen nachsenden“, versetzte der Stadtschreiber. „Das müßten solche seyn, die in der Walpurgis-Nacht auf Ofengabeln reiten“, spöttelte jener. „Denn wer könnte sonst das Gesindel einholen, das wahrscheinlich der Geier durch die Lüfte fortgeführet hat?“

Herr Fidibus behauptete rechtsgelehrt: es müßten wenigstens Haftbriefe erlassen werden. Diese bewilligte Herr Tobias gegen den Maler, verbot aber klug genug, Kundigundens darin zu erwähnen, damit die Familie Nußknacker nicht öffentlich um Ehre und Reputation komme.

Die Haftbriefe fruchteten nichts. Man hörte sechs Monate lang von beiden Entflohenen kein Wort.

Endlich brachte die Post einen Brief an Herrn Tobias Nußknacker, regierenden Bürgermeister zu Ziegenberg. Der Umschlag war mit den Orts-Namen: Basel, Mainz und mehreren andern bezeichnet, die dem Postmeister ingesammt böhmische Dörfer waren. Neugierig ließ er sich von dem Pfarrer ein Post- und Zeitungs-Lexion ausbitten, und versteinerte ganz, als er beim Nachschlagen fand: daß Basel eine Stadt in der Schweiz und von Ziegenberg über hundert Meilen entlegen sey. Ein Brief aus einer so ungeheuern Ferne war ihm während seiner zwanzigjährigen Amtsführung nicht unter die Hände gekommen. Er vertraute ihn daher seinem Dienstmädchen, der gewöhnlichen Briefträgerin, nicht an, sondern bestellte ihn persönlich an die Behörde.

Herr Tobias machte große Augen und entfärbte sich, als er, nach Erbrechung des Siegels, Dietrichs Namen erblickte.

„Ich habe die Ehre“, schrieb Dietrich – „Euren Wohledlen zu melden, daß ich mich mit Kunigunden, meiner mir angetrauten Gattin, in der Schweiß befinde. Wir leben überaus glücklich im Schoße der Freiheit und Natur. Einem Künstler steht die ganze Welt offen, aber ein Krämer Ihres Schlags kann sich, ohne zu verhungern, von seiner Heringstonne nicht trennen. Es ist das lustigste Abentheuer meines Lebens, daß ich von Ihnen für einen Hexenmeister gehalten und mit Folter und Scheiterhaufen bedroht ward. Sie würden sich Ihrer Einfalt schämen, wenn ich Ihnen meine natürlichen, fast kindlichen Zaubereien erklärte; ich enthalte mich aber dessen, um einige Personen, die ich als Gehülften brauchte, Ihrer Rache nicht blos zu stellen.“

(Da diese Gefahr vorbei ist, so wollen wir die unbedeutenden Geheimnisse dem Leser entdecken. Des Bürgermeisters Perücke hatte der bestochene Haarträusler mit Jungfernhonig bestrichen und mit Zuckerstaub gepudert. Die Fliegen, die im verschlossenen und versiegelten Hause schwärmten, wurden von Gassenbuben eingefangen, und Kunigunde ließ sich durch die Ueberredungskunst der Liebe bewegen, die damit gefüllten Flaschen heimlich in Empfang zu nehmen und im Hause zu öffnen. Der Gespensterlärm in der Frohnfeste war endlich weiter nichts, als eine Erdichtung des Kerkermeisters, der den Gefangenen gegen ein Lösegeld von 10 Ducaten in Freiheit gesetzt hatte.)

„Ich bitte Sie übrigens“ – fuhr Dietrich in seinem Briefe fort – „wegen jeder Possenstreiche nicht um Verzeihung. Sie reizten mich selbst dazu, indem Sie sich anmaßten, mir eine freie unverbietliche Handlung verbieten zu wollen. Nehmen Sie eine Lehre von mir an: es ist zwischen Himmel und Erde nichts Abgeschmackteres, als Hoffart und Uebermuth, und das lächerlichste Wesen unter der Sonne ist ein kleiner, machtloser und dennoch aufgeblasener Herrscherling.“ –

Mit diesen goldnen Worten, die sich jeder übermüthige Mensch hinters Ohr schreiben mag, endigte sich der Brief und unsere Geschichte.

Anmerkung Anita Hasel:

Die Geschichte „Der Fliegenprozess“ ist eine fiktive Satire, humorvolle Allegorie auf die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse in Preußen. Autor ist Heinrich Clauren (eigentlich Carl Gottlob Samuel Heun, 1771 – 1854), ein wichtiger Vertreter der humoristischen Literatur der Romantik und des Biedermeier. Veröffentlich wurde seine Geschichte im Jahr 1816. Die o.g. Abschrift ist aus einem Nachdruck in der anfangs genannten Zeitung aus dem Jahr 1820.

Dein Leben ist das, was du denkst

Es war so lustig, den Elefanten zuzusehen, wie sie über der Wüste schwebten. Das mussten riesige Luftballone sein, die nur aussahen wie Elefanten. Und woher kamen die bunten Murmeln, die am Wegesrand lagen? Es waren so viele, keiner konnte sie zählen. Das Licht der Sonne ließ sie glitzern und schüttete die vielen Farben wie Konfetti auf den heißen Sand.

Sara liebte Murmeln und alles, was bunt war.

Wenn es nur nicht so furchtbar heiß hier wäre, dachte sie. Schweiß tropfte auf ihr Knie, und plötzlich war sie ziemlich durstig. Genau in diesem Moment verschwanden die Farben und die Elefanten entpuppten sich als Kamele, die sich hingelegt hatten. Die Murmeln waren blöde Steine ohne Glanz, dafür mit ganz viel Staub bedeckt.

Warum nur bin ich hier? Sie kräuselte die Nase wie sie das immer tat, wenn sie nachdachte. Was soll ich hier in der Wüste? Und warum bin ich ein durstiger Mensch und kein Kamel, das ganz lange ohne Wasser auskommt?

Eine Eidechse huschte auf sie zu, blieb liegen, schaute hoch. „Du kannst nicht ändern, wer du bist“, sagte sie zu ihr. „Wieso kannst du reden?“, fragte Sara. „Wieso fragst du so viel?“, antwortete die Eidechse. „Dein Leben ist das, was du denkst. Du kannst es dir schön denken, dann siehst du die Farben und die Leichtigkeit, die es gibt. Doch du kannst es dir auch hässlich denken, dann siehst du überall Staub und Elend, die es auch gibt.“

Sollte es so einfach sein? Fantasie hatte sie genug, also dachte sie an Zuhause und wie schön es dort war.

Plötzlich lag sie in ihrem Bett. Was für ein Traum! Sie rieb sich die Augen. Was war mit ihrem Zimmer passiert? Das silberne Windspiel vorm Fenster schickte die Sonnenstrahlen auf den Fußboden, wo sie in bunten Farben tanzten. Benjamin Blümchen von der Fensterbank lächelte ihr zu. Und Sara fühlte sich so leicht, ihre Füße flogen fast über den Flokati, als sie zur Tür rannte. „Mein Zimmer war noch nie so schön“, dachte sie, als sie kurz stehen blieb. Und der neue Tag würde richtig bunt werden, das wusste sie.

Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?

XXXMorgens halb 10 in Deutschland. Heute ist Miraculi-Tag! Inspired by my dreams schau ich in den Spiegel, denn Spiegel-Leser wissen mehr. The more you know… Doch will ich das überhaupt wissen? O Schreck, sieh mal an: Viele viele bunte Smarties! Hm, ja, die Zeiten ändern sich. Es gibt Momente, da gibt’s nur eins: Nimm’s Deit. Weil‘s einfach einfach ist.
XXXEin reines Wasser muss durch einen tiefen Stein. Und an meine Haut lasse ich nur Wasser und CD – die hilft der Haut sich selbst zu helfen und nimmt Flecken den Schrecken. Schließt alle Poren und hält den Saft zurück. Dann klappt’s auch mit dem Nachbar, und der Tag kann kommen.
XXXJa, ich weiß, ein guter Tag beginnt mit Gilette, doch da ich kein Mann bin, greife ich nach Jade. Darauf verlass‘ ich mich voll, aus Liebe zu meiner Haut. Aufsprühen, abspülen, fertig ist der Glanz. Nur Douglas macht das Leben noch schöner als mein Haar, das mir sowieso schon gegeben ist. Ich lasse es leben, mit Shamptu Shampoo, das bringt Spannkraft. So wurde ich noch nie erfrischt!

XXXDas Frühstückchen ist das erste Extra des Tages. Rama Juno macht das Frühstück gut. Man sagt, er habe magische Kräfte. Bild dir deine Meinung, crunch mit! Zu Daim sagt keiner nein. Vollendet veredelter Spitzenkaffee. Der mit dem Blub. Gutes kann so gesund sein.
XXXIch schaue auf und denke: Mann, ist der dick, Mann! Doch aus gutem Grund ist Juno rund. Der Schwarze mit der blonden Seele. Ein ganzer Kerl dank Chappi – nicht immer, aber immer öfter.
XXXMix it, Baby!
XXXOb es mir mundet, fragt er. Ich wiege den Kopf: Riesig ist der Unterschied nicht, aber fein. Überraschend. Überzeugend. Anders. Und davon… davon krieg ich nie genug. In meiner Hand der knackige Spaß im Glas. Keiner schmeckt mir so wie dieser, so unvergesslich gut. Komm her! Auf die Freundschaft! Guten Freunden gibt man ein Küsschen, oder auch zwei.
XXXMeine Katze gesellt sich zu uns. Da kommt Leben an den Tisch. Ich freue mich, denn sie ist gesund. Und Frolic schmeckt jedem Hund – jeden Tag. Für kleine Hunde mit großen Ansprüchen. Katzen hingegen würden Whiskas kaufen. Nur das Beste aus der Frucht. Dahinter steckt immer ein kluger Kopf.

XXXDer gesunde Start in den Tag ist so wichtig wie das tägliche Brot. Damit ich auch morgen noch kraftvoll zu beißen kann, nehme ich jetzt meine Zahngesundheit in die Hand. Mit Blend-a-med, dem Arzneimittel meines Vertrauens, denn das gibt der Zahnarzt seinen Kindern. Normal ist das nicht. Da hält der Geschmack, was der Duft verspricht. Das Gute daran, ist das Gute darin, mit der wilden Frische von Limonen. Friesisch herb. Mit diesem Duft kann dir alles passieren. Und mit dem Schönheitszahnweiß wird alles sauber, sauberer wird’s nicht. Das weckt den Tiger in mir!

XXXRein in die Wohlfühlwindel, die nimmt den Druck, entspannt den Bauch. Das ist meine Art zu leben. Ich bin doch nicht blöd! Ich fühl‘ mich wohl in Lenor. Aber Bifi muss mit. Und jetzt: Nix wie weg! Von der Sonne verwöhnt sitze ich in meinem guten Stern auf allen Straßen. Die Frisur sitzt – die Frisur hält. Ich freu‘ mich aufs Büro. Mach dein Ding, hatte mein Chef, der Löwe unter den Riegeln, mir gestern gesagt. Raider heißt jetzt Twix, sonst ändert sich nix. Und schon wieder hatte mein Leben ein kleines bisschen an Härte verloren.

XXXMittags halb eins in Deutschland. Der frische Franzose fährt vor. Ein großer Klarer aus dem Norden, mit schuppenfreiem Haar, unwiderstehlich schön.
XXX„Hallo, Herr Kaiser. Gut, dass ich Sie treffe!“, rufe ich ihm zu.
XXXEngel kann man nicht kaufen, aber man kann ihnen begegnen. Dieser Mann ist die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt – für die italienischen Momente im Leben. Wünsche werden Wüstenrot.
XXX„Nogger dir einen!“, schießt es mir durch den Kopf. Just do it! Roller’s raus! Nur wer weiß, was er will, weiß, was er braucht. Einfach riesig, der Kleine. Die wahrscheinlich längste Praline der Welt. Und sowas von gut. Komm in die Punica-Oase! Einmal geploppt, nie mehr gestoppt. Life can be so simple.

XXXErst unheimlich stark, dann unheimlich klein. „Das kann doch jedem passieren“, sage ich und denke: Wer wird denn gleich in die Luft gehen? Ich rauche gern – wenn’s mal länger dauert. In gewissen Momenten kann der Genuss nicht warten. Vielleicht hätte man jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt? Denn Glück ist planbar. Jederzeit zur Hand Hansaplast Wund-Schnellverband. Denn im Falle eines Falles klebt Uhu wirklich alles. Weil Gesundheit auch Hauptsache ist. Und wenn’s um die Wurst geht: Herta! Die mit den ausgeschlafenen Gästen. Das unmögliche Möbelhaus aus Schweden. Die ganze Kraft einer Kultur: Ein Traum von Raum. Weil es Liebe ist, wenn es Landliebe ist. Nudelgenuss wie frisch vom Land. Ich freu mich auf Pfanni. Ach, ich denke dummes Zeug, das kommt vom vielen Fernsehen.
XXX„Hast du Hunger“, frage ich ihn. „Du kennst doch den Werbeslogan: „Essen gut? Alles gut!“
XXXEr gibt mir ein Küsschen. „Heute bleibt die Küche kalt, da geh’n wir in den Wienerwald. Der Platz, wo du gern bist, weil man gut isst.“
XXX„Ja ist denn heut’ schon Weihnachten?“, frage ich vor dem Lokal.
XXX„Come in and find out!“, antwortet der Wirt. „Wir können alles, außer Hochdeutsch. Mittendrin statt nur dabei – fast so nah, als wär’ man da.“
Das ist genau meine Welt.
XXXDer Wirt lacht mich an: „Sagen Sie nicht einfach Cola – verlangen Sie Pepsi! Da weiß man, was man hat. Was darf’s heute sein? Das jüngste Gericht? Bonduelle, das famose Zartgemüse aus der Dose? Mit ´ner Handvoll Haselnüsse? So wichtig wie ein kleines Steak. Nur Küsse schmecken besser.“
XXXIch strahle. „It’s cool man! Ich liebe es!“
XXXIch bin ein Gourmeggle. Alles andere kann warten.
XXX„Wer kocht?“, frage ich ihn.
XXX„Der Neff!“
XXXGesagt. Getan. Bestes nach Art des Hauses. Außen Toppits, innen Geschmack. Sowas von gut! Und dazu auch noch bibergünstig, statt schweineteuer.
Nach dem Hauptgang ist der Wirt wieder zur Stelle: „Darf es noch ein Nachtisch sein, wenn der kleine Hunger kommt? Bauknecht weiß, was Frauen wünschen.“
Ich winke ab. „Lieber ein TicTac. Das hat gerade mal 2 Kalorien und erfrischt meinen Atem zwei Stunden lang.“
XXX„Aber Natreen macht das süße Leben leichter. Genuss muss keine Sünde sein. An Duplo ist was Leichtes dran, es schmeckt und steckt zum Knuspern an. Schokolade mit Charakter. Nur beste deutsche Qualität. Und der Hunger ist gegessen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Test it!“
XXXDa werde ich schwach. „Yes. Das ist immer eine süße Idee. Ich probiere dieses. Hmmm. Lecker lecker, lecker lecker, lecker lecker. Aber jetzt zerbeiß ich’s!“

XXXAbends halb acht in Deutschland. Nur in Bayern bin ich daheim. Nirgends kannst du Schöner Wohnen als bei mir und meinem Magnum. Aber nur wenn ich sauber bin, bin ich auch wirklich frisch. Ich nehme Spüli, meinen Händen zuliebe. Das ist die schlaue Art zu waschen. Lupenreiner Glanz, ohne Vorspülen. Und mit 8×4 werde ich mir selbst wieder sympathisch.

XXXIch und mein Magnum, wir geben unserer Zukunft ein Zuhause, denn wir haben uns entschieden, niemals dick zu werden. Doch ob das hilft?

XXX„Wo ist die Lätta? Du Schuft, du!“, beschwere ich mich bei Magnum.
XXX„Mmmmh Maggi. Wer zu spät kommt, verpasst das Beste.“
XXX„Schade“, antworte ich schulterzuckend. „Dann bitte ein Bit. Aber von höchster Reinheit. Heißgeliebt und kalt getrunken.“
XXXUngnädig sieht er mich an: „Nette Menschen trinken Kümmerling. Oder Campari. Was sonst. Für jeden Geschmack die richtige Sorte.“
XXX„Iih. Das ist was für harte Männer. Nur gut und besser ist Paulaner.“
XXXEr prustet laut los. „Hach! Immer deine Leidenschaft für Sekt und Wein. Da ist doch mehr für dich drin. Lass dir mal eine Fanta schmecken. Durst macht Spaß mit Fanta. Oder trink Fernet Branca. Man sagt, er habe magische Kräfte! Nichts ist unmöglich.“
XXX„Na und? Fernet Branca hilft gegen Vampire. Nein! Ich will so bleiben, wie ich bin. Ohne wenn und aber, Faber!“
XXXAber er lässt nicht locker. „Und was ist mit Tee? Der mit dem Verwöhnaroma?“
XXX„Gut ist mir nicht gut genug. Da bin ich mir sicher.“
XXX„Dann lass dir raten, trinke Spaten. Prickelt länger als man trinkt. So sicher wie der grüne Daumen. Von erfolgreichen Züchtern empfohlen.“
XXXJetzt bin ich total angewidert. „Das gibt’s doch gar nicht! Da hört die Freundschaft auf!“
XXX„Okay. Die klügere Zahnbürste gibt nach. Willst du viel, spül mit Pril. Schließlich ist es mein Geld. Mit 5 Mark bist du dabei.“
XXX„Wenn’s um Geld geht, Sparkasse! Und mein Papi hat keinen Pfennig dazubezahlt. Ich geb mir die Kugel!“, stöhne ich.
XXXDa setzt er seine gute Schneider-Mine auf: „Lotto macht die meisten Millionäre. Spar dich reich.“
XXX„Danke Mann“, sage ich. Wer swirlt, hat’s wirklich leichter.

XXXDer Tag geht. Johnnie Walker kommt. Der Duft dieses Mannes ist so scharf, dass er hinter Gitter muss. Lasse rein! Bäng! Tot.
XXX„Manchmal muss es eben Mumm sein. Einmal Wagner, immer Wagner“, erklärt mir Magnum sein rohes Verhalten.
XXX„Gleich bringt Frau Antje den Käse aus Holland! Und heute kommt auch noch Pro Sieben! Jetzt aber nix wie weg!
XXX„Where do you want to go today?” Er schaut mich erwartungsvoll an. “Komm doch mit auf den Underberg. Abschalten können wir woanders.“
XXX„Pack den Tiger in den Tank!“, rufe ich begeistert aus.
XXXWir machen unser Mars mobil und fahren vor! Alles außer gewöhnlich. Connecting people. Schneller wissen, was läuft. Nie mehr im falschen Film. Schließlich weiß man nie, wann der Tag endet.

XXXWir machen Station bei Texaco. Dort ist es hell wie der lichte Tag und alles ist in Obi. Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein. Gute Preise. Gute Besserung.
XXXEin Mann spricht Heineken: „Nimm Frauengold und du blühst auf! Auf diese Steine kannst du bauen. Die wirken und schmecken.“
XXX„Wie schmecken denn die?“, frage ich neugierig.
XXX„Schmeckt typisch Sprite, ist typisch light.“
XXX„Halber Preis für’s ganze Volk?“
XXX„Nie fragen, kaufen!“
XXX„Das gibt’s doch gar nicht. Irgendwie clever!“, entfährt es mir.
XXXDoch meine Freundin Rexona lässt mich nicht im Stich: „Kleb dir eine! TicTac ist die neue Taktik. Das ist doch der Trick mit dem Knick und die Masche mit der Tasche!“
XXXIch nicke. Was wirklich zählt, ist klar. Eine gesunde Entscheidung. Wir gehen.

XXXIn dem Laden nebenan geht die Post ab. Es gibt immer was zu tun, und die hier tun was. Volle Stunde, volles Programm. Meister Proper, der große Kleine, putzt so sauber, dass man sich drin spiegel kann. Nichts bewegt ihn wie ein Citroen. Seine Waschkraft macht ihn so ergiebig.
XXX„Kuck mal, Konica!“, ruft ihm das Ehepaar Diebels zu. „Hier! Die Bank an deiner Seite. General-gereinigt ist mehr als sauber. Mach doch mal Pause oder Urlaub auf‘s Brot.“
XXXKonica Proper hält inne und mustert die freundlichen Diebels. „Ziemlich starke Klamotten. Genau meine Welt. Ihr seid eine Perle der Natur!“
XXXDann kommt er auf mich zu: „Ruf doch mal an. Ich bin Schokoknacker und Milchschaumschlürfer. The freshmaker. Ich richte Küchen mustergültig ein. Jederzeit deutschlandweit. Da werden Sie geholfen, denn Schnelligkeit ist meine Stärke. Nie war ich so wertvoll wie heute. Sprechen Sie nicht mit einem Computer, sprechen Sie mit mir. Nur echt mit 52 Zähnen! Warum wollen Sie sich mit weniger zufrieden geben?“
XXXIch schaue mitleidig auf ihn herab. „Kleiner sollten Sie wirklich nicht sein. Ich greife lieber zu HB, dann geht alles wie von selbst.“
XXX„Früher oder später kriege ich Sie, mit Danone-Joghurt!“, entgegnet er.
XXX„Sail away“, sage ich schnippisch. Schließlich bin ich eine Frau, die sich traut, ganz Frau zu sein.

Nachts halb 1 in Deutschland. Ich knie vor meinem Bett:

„O wie wohl ist mir mit Wasa. Mein Bac – mein Tag! Die Zukunft verspricht Visa. Werte fürs Leben. Kraft zum Leben gebe mir, Tai Gingseng. Dein Sekt sei Deinhard. Dein Wille geschehe für Körper und Geist und jede Woche eine neue Welt.

Amen!“

Im Auftrag ewiger Jugend und Glückseligkeit, Anita Hasel

 

Focus on beauty

Es war mir eine große Ehre und ich hatte mich sehr gefreut, als Margin Alexander, Pianist und Komponist, eines meiner Bilder bei „Voice & Faces“ am 16.01.2023 in New York City präsentierte.

Der Titel des Bildes ist „Focus on beauty“.

We are currently living in a time when everything is changing, the old is no longer relevant and the future is uncertain. The focus of my photo is an old church, the only beautiful building in the middle of ugly houses built quickly after the war. The church is surrounded by a threatening void, but it rises like an anchor in the chaos – not because it is a church, but because the viewer focuses on the beauty of this building. Fear becomes energy that makes you strong.

Wir leben in einer Zeit der Veränderung. Das Alte ist nicht länger relevant und die Zukunft ist unsicher. Im Fokus meines Bildes ist eine alte Kirche zu sehen, da einzig schöne Gebäude inmitten von hässlichen Häusern, schnell aufgebaut nach dem Krieg. Die Kirche ist von einer bedrohlichen Leere umgeben, aber sie erhebt sich wie ein Anker aus dem Chaos – nicht weil sie eine Kirche ist, sondern weil der Betrachter sich auf die Schönheit dieses Gebäudes konzentriert. Aus Angst wächst Energie, die uns stark macht.

Ich danke ihm sehr dafür, auch für das Video, das mir anschließend zur Verfügung gestellt wurde:

 

 

Das neue Jahr steht vor der Tür

Ein Böllerkrachen, Donnerschlag!
Erschreckt schau ich zur Tür.
Wer um die Zeit noch kommen mag?
Es war so friedlich hier.

Mit allem, was an Mut ich find‘,
geh‘ ich zur Türe hin.
Gespenstisch heult der eis’ge Wind.
Es friert in meinem Sinn.

Da öffnet sich der Türe Schloss,
als ich den Schlüssel dreh‘.
Bin meine letzte Fassung los,
denn was ich vor mir seh‘

ist eines Jahres Dunkelheit.
Geliebt, zerstört, verlor’n.
Erschüttert und in Bitterkeit
ward Hass herauf beschwor’n.

Ich sehe Angst, Verzweiflung naht.
Zur Trauer sich gesellt
der Friede, er ist aufgebahrt.
Gewalt regiert die Welt.

Ein Mensch geht seinen letzten Gang,
gleichgültig sein Geleit.
Auf Mitleid wartet mancher lang‘,
es stirbt die Menschlichkeit.

Das ist zu viel, geh‘ weg von mir!
Ich kann mich nicht mehr rühr’n.

Da tritt das Jahr durch meine Tür,
lässt mich die Sonne spür’n,

die über Dächern aufgetaucht
das neue Jahr erhellt.
Aus Tropfen, die vom Eis getaut,
erblüht die Farbenwelt.

Ich sehe Kraft, die Hoffnung birgt,
sie nimmt auch Angst in Kauf,
mit Trotz, der dennoch Gutes wirkt,
so geht der Plan nicht auf,

dass Terror Wut und Chaos sät.
Der Wille ist ein Stein.
Ein Mensch, der fest zum Frieden steht,
lässt nicht den Hass herein.

Kann ich das Neue vor mir seh’n,
seh‘ ich auch Licht vor mir.
Das Dunkle und der Schmerz vergeh‘n.
Das neue Jahr bleibt hier.

Die Frau im Spiegel

 

Augen aus dem Spiegel schauen
wohl vertraut in mein Gesicht.
Kann ich meinem Anblick trauen?
Bin ich du und du bist ich?

Du bist die, die mich geboren
und geliebt vor langer Zeit.
Ich bin die, die dich verloren,
damals war ich nicht so weit.

Sieh mich an mit deinen Augen,
sag, erkennst du jetzt dein Kind?
Manchmal kann ich es nicht glauben,
Falten kamen mit dem Wind.

Ich steh’ fest in meinem Leben,
mittendrin, wie damals du.
Freunde hat es mir gegeben
und den Mann zum Glück dazu.

Hab’ viel von der Welt gesehen.
Ach, du fragst nach Angst und Pein?
Sah sie kommen und auch gehen.
Wie es war, so sollt’ es sein.

Wird die Trauer jemals enden?
Und was bleibt in Ewigkeit?
Liegt das Glück in meinen Händen?
Gibt es Liebe ohne Leid?

Niemand kann das wirklich wissen,
nicht im Jenseits oder Hier.
Immer werd’ ich dich vermissen,
denn du bist ein Teil von mir.

 

Sackträger

Das Sackträger-Gedicht

Mein Großvater (geb. 1900 in Mannheim) liebte es, Gedichte in Mannheimer Mundart auswendig vorzutragen. Das folgende Gedicht dürfte in den 1930er Jahren entstanden sein, in einer Zeit, als die Sackträger im Mannheimer Hafen nach und nach arbeitslos wurden, da moderne Maschinen ihre Arbeit übernahmen. Ich hatte es, als er es wieder einmal vortrug, aufgenommen und dann aufgeschrieben. Der Autor ist leider unbekannt.

Dass es mit „Ihr liewe Leit“ beginnt, ist kein Zufall: Viele alte Mannheimer Gedichte wurden für eine Zuhörerschaft geschrieben – und das habe ich wohl schon als Kind verinnerlicht (siehe oben). *smile*

Die Mannheimer Sackträger (ca. 1789 – 1950) wohnten im Hafengebiet (Jungbusch/Filsbach), waren ein raues, aber friedliches „Volk“, hart arbeitend und mit gutem Verdienst. Ihr Dialekt war besonders, viele Wörter hatten ihren Ursprung im Jüdischen (ihre Arbeitgeber waren oft jüdische Spediteure, Getreide- und Tabakhändler). In der Beilstraße, Mannheim-Jungbusch, steht heute ein Sackträger-Denkmal (Foto links).

Siehe auch diesen Artikel im Mannheimer Morgen:
„Die kräftigen Männer vom Hafen“

Hier die Aufnahme meines Großvaters, Herrmann Spohn, als er es, schon 91 Jahre alt, auswendig vortrug:

Ihr liewe Leit, isch sag Eich bloß:
In unserm Handwerk is nix mehr los.
Sackträger zu sei is kä Vergniesche mehr
denn ewe macht ma jo die Schiffe leer
mit Elevator und sonstige Maschine
und känne uns kaum noch än Schnaps verdiene.

Ach, wie du isch als beneide,
die schäne vergangene goldene Zeite,
wo du hoscht im Handumwenne
de Lappe, de Bolle verdiene känne.

Doch awwer heitzudag, o mei,
do bild sich jeder Schereschleifer ei,
dass im Grunde genumme er wie domols
än echter Mannemer Sackträger wär.

Scheiweschiewer sinds zum Bediene
vun moderne Kraftmaschine.
Gibt’s zum Beispiel sozusage
mol im Gnick was Schwers zu trage,
knicke se zsamme und losses steeh
mit ihre därre Schneidersbee.

Zwe Zentner, ach Ihr liewe Leit,
des war fer misch ä Klänischkeit.
Die habb issch dir ja ganz uschäniert,
wie än Seeldänzer iwwer die Diel balanschiert.

Korz um, wir ware, wie isch sag,
än ganz padenter Menscheschlag.
Respekt war do, wonn wir sinn kumme.
Vor uns hott ma sich in Acht genumme.

Wie habb isch ämol wege äm fresche Betrage
änem Unneroffizier des Maul verschlage,
weil der uverschämte Kunne
immer die Rekrutte geschunne.

„Isch blos disch uff wie än Wasserfrosch
mit deiner ugsalzene Wellfleschgosch.
Hau dir dein Wersching knippeldick
und hau dir in dei Tropsbiergnick!

Wie ich dir jetzt dei Maul verstopp,
du abgequellter Kartoffelknopp.
Loscht die Regrutte nett in Ruh,
du upolierter Deeg-Aff du?“

Unn habb ihm mol fer fuchzig Grosche
gehärisch mol die Schnut verdrosche.
So habb ich geredt mit demm Ihr Leit,
der war kuriert fer alle Zeit.

In unserm Stammlokal, do wars famos,
do vornne in de alte Ros,
wo ma hott abgerisse jetzt,
do hawwe mer manchen Schoppe gepetzt.
Unn habb do a so mansche Tage
de schänste Aff mit hähm getrage.

Doch jetzt sinn alle Worte leer.
Was vergange is, des kummt nit mehr.
Alt is mein Kopp unn aach die Bäh
und’s Schaffe will nett mehr recht geh.

Drum machts mich immer sorgenvoll,
wie isch misch jetzt ernähre soll.
Do bei de Stadt, do kännt isch ewe
gemietlich als Beamter lewe.

Na um die Zeit mer zu vertreiwe,
dät isch mer als de Buckel reiwe.
Unn wär isch mied, gäbs nix zum Lache,
dät isch am Pult mei Schläfle mache.

(Verfasser unbekannt)