Kindheit

Manche Menschen haben viele Erinnerungen an die Kindheit, andere eher wenige. An was wir uns erinnern, ist oft verbunden mit Emotionen, die diese Erlebnisse bei uns ausgelöst haben. Kinder entdecken täglich etwas Neues, begeistern sich schnell, verlieren sich im Spiel mit Fantasie und erfahren Liebe, Fürsorge, Geborgenheit. Doch nicht jedes Kind wächst unbeschwert auf. Negative Erfahrungen können ein Leben lang im Verborgenen gären und die Seele vergiften. Doch gibt es nicht nur das Schöne, genauso wenig es nur das Häßliche gibt, das uns zu Beginn unseres Daseins beeinflusst. Die Summe unserer Erfahrungen sind es, die uns zu dem Menschen machen, der wir heute sind.


Alle Gedichte und Kurzgeschichten © Anita Hasel


Mit dem Erwachsenwerden geht leider oft der Blick auf das Wesentliche verloren. Im Umgang mit Kindern werden wir wieder darauf aufmerksam, und stellen plötzlich fest, dass aus schlauen Zwergen dumme Riesen werden können.

Schlaue ZwergeMutter mit Kind Vietnam

Zwerge sind kleiner,
Achtsamkeit feiner,
Augen sind runder,
Zwergenwelt bunter.

Lachen ist heiter,
Münder sind breiter.
Blicke sind echter,
Zorn ist gerechter.

Sonne scheint heller,
Schlafen geht schneller,
Töne sind klarer,
Träume sind wahrer.

Hände sind Fühler,
Fantasie-Wühler,
Fragen genauer:
Zwerge sind schlauer.

 

Dumme Riesen

Riesen sind größer,
manchmal auch böser,
Lachen ist stiller,
Stimmen sind schriller.

Augen sind kleiner,
Münder gemeiner,
denken nicht sauber,
Hände sind tauber.

Sonne scheint kälter,
Ziele sind älter,
Farben sind grauer,
Ängste genauer.

Lieder sind leiser,
Köpfe nicht weiser,
kein Hoffnungsschimmer:
Riesen sind dümmer.


Kurzgeschichte: Schwebende Elefanten

Annika war nun in einem Alter, in dem man beide Hände braucht, um die Anzahl der Lebensjahre an den Fingern abzuzählen. Schon im Kindergarten hat sie gewusst, wie man das macht: Die linke Hand spreizen, und mit der rechten Anhalter spielen. Mächtig stolz betrachtete sie ihre Hände.

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Meine Schritte

rote Schuhe
links und rechts und links und
hinter mir die alte Ente
nickt im Takt auf grauem Pflaster
folgt mir gelb
mit grünen Rollen
in mein Wasserfarbenhaus


Das verzauberte Herz

Mein Herz,
das hüpft
auf einem Bein
so hoch
wie wilde Fohlen,

es tanzt
dem Lied befohlen
das in meine Kehle kroch,

schon schlüpft
ein Lachen flink heraus,

kein Stein
der nicht vor diesem Haus
gelegt
allein zum Gehen
unbewegt
und doch viel mehr ist
als nur Stein.

Mein Herz,
das muss verzaubert sein.


Vergiss dein nicht

Man sagt „Solang’ ich denken kann“,
und denkt sodann sogleich daran,
als noch das Denken leichter war,
beschwerdefrei und sonnenklar.

Da war der Himmel blau und weit,
das Lachen laut, voll Heiterkeit.
Die Blumen wiegten auf der Wiese
die Köpfchen sanft zur kühlen Brise.

Die Lust auf Eis war riesengroß –
ein Häschen hüpfte auf den Schoß –
und immer Durst nach Wind und mehr.
Nach Hause gehen fiel so schwer.

Beim Spiel verlief die Zeit im Sand,
im Daunenbett sie stille stand.
Die Jahreszeiten luden ein
zum Staunen und Begeistertsein.

Vor’m Ausprobieren keine Scheu.
Zwei schramme Knie, so gut wie neu,
trug mit den Tränen weit der Wind,
dorthin, wo Stein und Stoppeln sind.

Die schlimmen Sorgen vor der Nacht,
der Sandmann hat zu Staub gemacht.
Bedingungslos geliebt geborgen,
begrüßte treu der junge Morgen.

Das ist, solang’ ich denken kann,
so lange her. Ich denk’ daran,
wenn ich die bösen Geister bann’,
aus meinem Sinn. Ein Leben lang.


Bin alles, was dir blieb

Mir selbst allein
im Morgenschein
schmier ich auf’s Brot die Butter.
Der Caroduft
liegt in der Luft,
und nebenan liegt Mutter.

Mein Ranzen steht,
wo keiner geht
noch an der Wand und wartet.
Er ist ganz toll
mit Büchern voll,
viel schwerer als erwartet.

Die Zeit tickt leis’
dreht sich im Kreis,
bald soll ich Mutter wecken.
Drei Flaschen Bier,
des Nachts um Vier,
sie dienten ihren Zwecken.

Mir selbst allein
gekleidet fein
steh’ ich vor’m Bett der Nacht.
Sie atmet tief,
ein schwerer Mief,
verhindert, dass sie lacht.

Ich geh’ jetzt fort,
sag’ noch das Wort,
dass ich dich immer lieb’.
Bin ich nicht hier,
bin ich bei dir,
bin alles, was dir blieb.

Die Stunden geh’n,
ich kann sie seh’n,
sie wartet immer schlimmer.
Bin ich zurück,
dann ist es Glück,
sie hat mich lieb noch immer.

Mir selbst allein,
im Abendschein,
schmier ich auf’s Brot die Butter.
Ein schwerer Duft
liegt in der Luft,
und nebenan liegt Mutter.


www.netz-und-boden.de (Initiative für Kinder psychisch kranker Eltern)