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Schwebende Elefanten

Annika war nun in einem Alter, in dem man beide Hände braucht, um die Anzahl der Lebensjahre an den Fingern abzuzählen. Schon im Kindergarten hat sie gewusst, wie man das macht: Die linke Hand spreizen, und mit der rechten Anhalter spielen. Mächtig stolz betrachtete sie ihre Hände.
xxx„Mit siebzehn hat man noch Träume“, sang der Mann im Radio. Bis siebzehn konnte sie schon auswendig zählen, sogar bis zwanzig, das hatte ihr der Vater beigebracht. Doch wie macht man das dann mit den Fingern, wenn man nur zwei Hände hat? Und überhaupt: Siebzehn! Da musste man schon sehr, sehr alt sein. Aber immerhin, träumen würde man dann noch können – auch noch mit siebzehn.

Letzte Nacht hatte sie von lilafarbenen Elefanten geträumt, die über der Wüste schwebten. Die waren ganz leicht, obwohl sie so groß waren. Das sah lustig aus. Aus der Sonne strahlte ein helles Licht, und viele bunte Steine lagen am Wegesrand, glitzerten. Wie die Glasmurmeln in ihrer geheimen Schatztruhe unter dem Bett. Gerne würde sie heute Nacht diesen Traum weiterträumen. „Mit etwas Glück“, hatte die Mutter gesagt, „träumst du wieder davon.“ Und Glück, davon hatte sie jetzt jede Menge, denn der Klee auf ihrer Fensterbank war heute Morgen erwachsen geworden. Ganz schnell war das gegangen, bis aus dem Samen zartes Grün durch die Erde wuchs, und nun besaß jeder Klee vier Blätter. „Wenn du den im Wald findest, bedeutet das Glück“, hatte ihr die Mutter erklärt.
xxx„Wie kann der Klee mir Glück bringen?“, fragte sie beim Abendbrot.
xxxDer Vater, vertieft in die Zeitung, mit der man so schöne Schiffe bauen kann, schaute kurz auf, nur um dann wieder das zu tun, was er am liebsten tat: Lesen.
xxx„Der vierblättrige Klee ist selten, deshalb bringt er Glück“, antwortete die Mutter.
xxxAnnika knabberte an einem Radieschen. Florian aus der Schule hatte kein Glück. Sein Vater war nie da und seine Mutter immer krank. Deswegen kam er auch immer zu spät und musste zur Strafe nachsitzen.
xxx„Ist mein Klee auf der Fensterbank auch selten?“, fragte sie.
xxxDer Vater brummte. „Das ist doch alles Unfug. Diesen Klee verkaufen sie doch haufenweise, besonders zu Silvester. Als originelle Geschenkidee für all die Unglücklichen, die darauf hoffen, dass das neue Jahr besser wird. Doch das einzige, was dieses Unkraut zustande bringt, ist, sich wie wild in allen Topfzimmerpflanzen zu vermehren, und zwar so hartnäckig, dass man es nie wieder los wird.“
xxxDie Mutter kniff die Lippen zusammen.
xxx„Au!“, rief er. „Tritt mich doch nicht unter dem Tisch!“
xxx„Dein Glücksklee ist der einzige Klee, der auf deiner Fensterbank wächst, und daher ist er selbstverständlich selten“, erklärte die Mutter.
xxxAnnika runzelte die Stirn. Würde sie ein paar Triebe verschenken, würde er aber auch auf anderen Fensterbänken wachsen, und dann wäre er also nicht mehr selten. Dann müsste sie ihn schon ganz verschenken. Sie nahm einen großen Schluck Apfelsaft.
xxx„Wo kommt das Glück denn her?“, fragte sie, und dieses Mal sah sie instinktiv nur die Mutter an.
xxxDoch der Vater antwortete: „Glück kommt nirgendwo her. Glück ist entweder da oder nicht. So ist das.“
xxx„Und warum ist das so?“, fragte Annika.
xxx„Das verstehst du noch nicht“, war die knappe Antwort.
xxxSchon wollte sie die Unterlippe vorschieben, doch die Mutter mischte sich ein: „Glück ist nicht einfach nur so da. Das Glück kommt zu dir, wenn du fest daran glaubst.“
xxx„Wenn ich an meinen Klee glaube, dann kommt das Glück zu mir?“
xxxDie Mutter nickte. „Genauso ist es.“
xxx„Unfug“, schnarrte der Vater. „Mit Glauben hat das nichts zu tun. Mancher hat eben Glück, der andere nicht.”
xxx„Aber es heißt doch auch: Jeder ist seines Glückes Schmied. Nein, nein, mein Lieber, so einfach ist das nicht“, erwiderte die Mutter. „Wenn du nicht an dein Glück glaubst, kannst du es auch nicht schmieden. Letzten Endes sind wir doch alle für unser Los verantwortlich. Entweder wir pflanzen einen neuen Baum, oder wir sägen an unserem eigenen Ast.“
xxx„Florians Mutter aber hat nicht einmal einen Garten. Ich glaube nicht, dass er an einem Ast gesägt hat.“ Annika sah ihre Eltern mit großen Augen an.
xxx„Florian, der Junge von nebenan“, antwortete die Mutter auf das Stirnrunzeln des Vaters. „Sein Vater ist auf und davon, und seine Mutter hat ein Alkoholproblem. Zwei von seinen sechs Geschwistern übrigens auch schon.“
xxx„Und warum hat Florian dann kein Glück?“, bohrte Annika weiter.
xxx„Er wurde in die falsche Familie hinein geboren“, war die Antwort des Vaters.

***

Letzte Nacht hatte sie die Elefanten wieder gesehen. Groß und bunt, mit riesigen Ohren und langen, spitzen Stoßzähnen sind sie vom Himmel herabgekommen. Und dann haben sie alles zertrampelt, was ihnen unter die Füße kam. Die anderen haben geschrien, doch Annika konnte sich nicht rühren. Starr vor Schrecken musste sie mit ansehen, wie die Schlafstätten aus Zeitungspapier und Pappe zerstört wurden, Flaschen klirrten, Glas splitterte. Bis der Himmel explodierte. Dann war es still.
xxxWie eine Schiffbrüchige lag sie auf der Luftmatratze. Die Brücke, die keine zehn Meter weit von ihr über den brackigen Kanal führte, war immer noch da. Doch die Farben waren verschwunden. Der Herbstnebel hatte die Unterstadt mit einem feinen Grauschleier überzogen. Konnte Grau noch grauer werden? Ihre Hand rupfte nervös an dem feuchten Gras.
xxxEin junger Mann, etwa in ihrem Alter, kam in Sichtweite. Ein Jogger. Er lief ziemlich schnell. Irgendwie erinnerte er sie an einen Schulfreund aus der Grundschule: Florian. Von ihm hatte sie ihren ersten Kuss bekommen, auf die Wange. Was wohl aus ihm geworden war? Vielleicht sollte sie ihn aufstöbern, vielleicht würde er ihr Geld leihen, nur ein paar Euro oder vielleicht soviel, dass sie diese Woche überstand?
xxxDer Jogger blieb stehen. Sein Gesicht war gerötet, und er atmete stoßweise. Vorn übergebeugt, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, sah er zu ihr herüber.

xxx„Hi!“, rief Annika.
xxxEr richtete sich auf und ging auf sie zu.
xxx„Hi! Was tust du hier? Es ist doch viel zu kalt, um hier im Gras zu liegen.“
xxx„Sie haben mich hier gelassen. Letzte Nacht. Sind einfach weitergezogen und haben mich nicht mitgenommen.“
xxxDer Jogger betrachtete das „Hier“: Überall lagen Flaschen und Pappbecher herum. Verbrannte Erde und schwarze Asche zeugten von einer nächtlichen Feuerstelle. Unter seinem Schuh knirschte es verdächtigt. Er hob den Fuß. Eine kaputte Spritze.
xxx„Bist du okay?“
xxx„Ich hab nur fest geschlafen.“
xxx„Deine Freunde haben dich einfach zurückgelassen, weil du geschlafen hast?“ Er runzelte die Stirn.
xxxSie stand auf. Doch das ging nur sehr langsam, denn die Welt begann sich zu drehen.
xxxDer Jogger griff in seine Jackentasche.
xxxAnnika griff nach dem angebotenen Päckchen, ließ es dann aber gleich darauf fallen. Gummibärchen! Das Karussell drehte sich schneller. Sie musste sich wieder setzen.
xxx„Warum gehst du nicht nach Hause. Hast du keine Eltern?“, fragte er und ging vor ihr in die Hocke.
xxx„Pah! Eltern! Bin froh, dass ich die endlich los bin!“, keifte sie.
xxx„Ich wäre froh, ich hätte welche gehabt”, sagte er.
xxxSie verzog den Mund. „Da hast du nix verpasst, glaub mir. Dauernd dieses Bevormunden. Als wenn man noch ein Kind wäre! Die schnallen es nicht, die kapieren einfach gar nichts. Sie wollen dir nur vorschreiben, was du zu tun und zu lassen hast. Und immer wissen sie alles besser! Diese Großkotze, ich …“ Sie verstummte.
xxx„Mein Vater kam ins Gefängnis, als ich fünf war. Und meine Mutter – die nahm sich das Leben, da kam ich gerade in die vierte Klasse“, sagte er.
Gedankenverloren rupfte sie an dem Gras. „Kannst du mir Kohle leihen – nur ein paar Euro oder so…?“
xxxEr zog die Innentaschen seiner Jogginghose nach außen. „Glaubst du, ich laufe um diese Uhrzeit hier mit Geld herum? Schon öfters ist hier einer überfallen worden. Und du solltest auch nicht mehr bleiben. Komm doch mit.“
xxx„Wohin willst du mich mitnehmen?“
xxx„Ich wohne nicht weit weg von hier. Dort kann ich dir ´ne heiße Schokolade machen. Wenn du willst.“

Zwischen ihren Fingern hielt sie einen Klee. Er hatte vier Blätter. Sie zwirbelte ihn hin und her, und aus den Blättern wurde ein kleiner Propeller.
xxx„Glaubst du an das Glück?“, fragte sie ihn.
xxxEr nahm das zarte Pflänzchen aus ihrer kalten Hand. Vorsichtig, als könnte es in seinen Fingern zerdrückt werden, betrachtete er es nachdenklich. Seine Mundwinkel zuckten, doch er schwieg.
xxx„Und du?“, fragte er schließlich.
xxxSie hielt den Kopf etwas schief und schaute ihn an. Ihre Nase begann, sich zu kräuseln. Entschlossen stand sie auf: „Ich bin Annika.“
xxxAuch er erhob sich. „Florian“, erwiderte er und reichte ihr die Hand.
xxxSie lachten.
xxx„Gibst du ihn mir wieder?“ Sie meinte den Klee.
xxxEr gab ihn zurück.

„Der ist nämlich selten“, erklärte sie, als sie gemeinsam die Wiese verließen.

© Anita Hasel

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