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Mörderdämmerung

Dieser Roman erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich vor den Schatten seiner Vergangenheit versteckt. Das Verborgene ist finster, und das, was wir nicht kennen, lehrt uns das Fürchten. Lass dich ein in das Reich der Fantasie, doch bedenke: Ohne Mut lässt sich das Geheimnis nicht lüften.

Degen, einst praktizierender Psychotherapeut, ist in Berlin untergetaucht. Kriminalbeamtin Morlock ist entsetzt, als ihre jüngere Schwester verkündet, dass sie mit Degen zusammenziehen wird, den sie erst seit kurzem kennt. Morlocks Nachforschungen über Degen nähren ihre schlimmsten Befürchtungen: Der Mord an seiner Frau ist immer noch ungeklärt. Als Morlock mit Degen in Kontakt tritt, überschlagen sich die Ereignisse. Ein weiterer Mord geschieht – die Spuren führen zu Degen. Gnadenlos holt die Vergangenheit ihn ein. Nicht nur die Polizei hat ihn im Visier, sondern auch ein dunkler Schatten, der ihn hartnäckig verfolgt.

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ISBN: 978-3-7392-7147-7
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Taschenbuch, 284 Seiten, ISBN: 978-3-7347-9627-2
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Prolog:

Der Himmel über Berlin war ein einziger, schmutziger Lappen. Der raue Nordwind tobte, trieb die schweren Wolken vor sich her und ließ sie nicht zur Ruhe kommen, um ihre nasse Fracht abzuladen. Hier in der Höhe war er wild und ungebändigt, beinahe ein Sturm. Doch je tiefer es ging, je dunkler es wurde, umso mehr wurde seine Kraft gezügelt. Heulend riss er an dem Dach der Friedhofskapelle, verfing sich zwischen altem Mauerwerk und längst vergessenen Grabsteinen.

Dort standen sie im Halbkreis: schwarz gekleidete Gestalten, stumm gebeugt und in das Unvermeidliche ergeben. Sie nahmen das Knacken der Äste nicht wahr, beachteten nicht die knorrigen Baumkronen über ihnen, die sich mühsam bewegten und in dem schwachen Tageslicht wie Riesen wirkten, die schwankend in das stumme Wehklagen mit einstimmten. Und sie hörten nicht wirklich die untröstlichen Worte, die der Pfarrer der heiligen Schrift entnahm.

Doch Hendrik Degen entging nichts von alledem. Er spürte die Kälte des Erdbodens, die durch seine durchnässten Schuhsohlen heraufgekrochen kam wie ein hinterlistiger Feind. Die Blicke der anderen quälten ihn. Seltsam schwer fiel es ihm, gerade zu stehen. Mit durchgedrückten Knien hatte er das vage Gefühl, allmählich in die aufgeweichte Erde einzusinken. Ein unsichtbares Gewicht hing um seinen Hals, zerrte an ihm, um ihn nach unten zu ziehen, heftete seinen Blick auf ihren Sarg: lackierte Eiche, hell gebeizt und an den Seiten verziert. Die feinen, schwarzen Linien erinnerten ihn an schlanke Palmenblätter. Hanna hätte es bedauert, dieses Meisterstück von einem Tischler in diesem tadellosen Zustand für immer unter der Erde zu begraben. Asche zu Asche und Staub zu Staub. Doch der Sarg glänzte sogar im fahlen Tageslicht, als er langsam hinabgelassen wurde in das ausgehobene Grab.

Es war seltsam ruhig geworden. Viel zu ruhig. Denn kurz darauf brach es aus den Wolken, prasselte auf die aufgespannten Regenschirme, färbte Rücken und Schuhe dunkel und bildete viele kleine Pfützen auf dem Erdboden. Hendrik ließ es auf sich herabregnen. Das Wasser tropfte von seiner Nase, während er den Blick immer noch nicht von dem lackierten Holz nehmen konnte, auf dem ein kleines Häufchen Sand dumpf aufklatschte. Auch als die anderen es ihm gleich taten, den Sarg mit Sand bewarfen, fühlte er keine Trauer, nichts dergleichen – absolut gar nichts.

Ganz eindeutig befand er sich noch in der ersten Phase. Die zweite folgte sicherlich bald, stand vielleicht schon hinter ihm, lauernd und abwartend, wann sie ihn am ehesten erschrecken konnte. Wenn die Gefühle aufbrechen, schwappen sie meist wie eine Welle über den Betroffenen herein, unerwartet und ohne Vorwarnung. Das wusste er.

Die langstielige Rose hing kopfüber an seinen Händen, die fast taub waren von dem eiskalten Stahl, der seine Handgelenke umschloss. Jetzt erst ließ er los, und die rote Baccara fiel in das dunkle Loch.